Dienstag, 22. November 2016

Watership Down Kapitel 3: Hazel's Decision

Das Eingangszitat ist aus einem Werk, welches mir sehr bekannt ist. Immerhin habe ich damit mein Graecum bestanden. Die anabasis von Xenophon, welches hauptsächlich den Bericht eines griechischen Generals und einer Söldnerschar beinhaltet, welche in einen Konflikt um den persischen Thron hineingezogen werden und dann aus dem unbekannten Land wieder heimkehren müssen.
Ich kann zwar das Zitat hier jetzt keiner bestimmten Stelle zuordnen, der Grund warum es diesem Kapitel voransteht ist jedoch offensichtlich. Es erklärt die Motivation der beiden Kaninchen, welche sich bereit erklären mit Fiver mitzugehen - und es ist nicht unbedingt wegen der Gefahr die Fiver voraussieht.

Ein Tag ist mittlerweile vergangen und es wieder Abend. Jetzt lernen wir Blackberry näherkennen, das Kaninchen welches bereits im ersten Kapitel einen kurzen Auftritt hatte. Hier wird bereits eine der wichtigsten Eigenschaften Blackberrys angedeutet - seine Fähigkeiten für Kaninchen unbekannte Dinge zu verstehen. Tatsächlich hat er mit seiner Deutung der Anschlagtafel als Zeichen und Botschaft Recht. Das andere anwesende Kaninchen ist Dandelion, welcher jedoch für das ganze Kapitel kein Wort äußert. Letzterer hat jedoch noch einmal versucht den Threarah zu überzeugen.
Hazel selbst hat eigentlich von Anfang an nicht wirklich damit gerechnet den Threarah überreden zu können, doch für ihn zählt allein der Versuch das Beste getan zu haben um alle zu retten. Es wird deutlich, dass Hazel fest an Fiver glaubt.
Dann werden sie von einem weiteren Besucher überrascht. Bigwig hat erklärt, dass er aus der Owsla ausgetreten ist und auch das Gehege verlassen will. Den Ärger mit dem Threarah hat er nicht wirklich wegstecken können. Wir erfahren auch, dass Bigwig anders ist als der Threarah und eher zu impulsiven Entscheidungen neigt wie dieser. Tatsächlich ist er selbst unzufrieden mit seinem Owsla-Dasein. Salat-Stehlen und Baue bewachen ist nicht das was er sich vorstellt. Er selbst behauptet zwar von Fiver überzeugt worden zu sein, doch es wird deutlich, dass sein Entschluss das Gehege zu verlassen der ist, weil er nicht mit der Autorität des Threarah klarkommt.

Schließlich eröffnet Hazel seinen Entschluss, dass er und Fiver das Gehege noch diese Nacht verlassen werden und jeden mitnehmen, der mitkommen will. Bigwig willigt sofort ein, was Hazel überrascht. Denn zum einen ist ein starkes Kaninchen wie Bigwig von großer Hilfe bei den Gefahren, die vor ihnen liegen, zum anderen fürchtet Hazel, dass mit Bigwig schwierig umzugehen sein wird. In Gedanken trifft er den Entschluss, nicht Bigwig alle Entscheidungen zu überlassen. Hier haben wir den ersten Hinweis auf einen Anführer-Konflikt, welcher noch die ein oder andere Wendung in der Geschichte nehmen wird.
Blackberry willigt schließlich ein, obwohl sein Grund auch nicht Fivers Vision ist, sondern die allgemein große Anzahl an Böcken in dem Gehege, was es unmöglich macht Spaß am Leben zu haben, wenn man nicht in der Owsla ist. Dennoch fürchtet er sich vor den Gefahren, welche das unbekannte Land mit sich bringt.
Bigwig entscheidet sich noch weitere Kaninchen aus der Owsla mitzubringen und beteuert von Fiver überzeugt sein und wundert sich, dass es der Threarah nicht war. Hazel meint dazu, der Threarah würde nichts mögen, was er nicht sich selbst überlegt hätte, was wieder zu dem zu alt gewordenen Staatsmann passt, welcher keinen Rat der Jungen annimmt, weil nur er glaubt alles besser zu wissen.
Als Aufbruchszeit nennt Hazel fu Inlé, wieder ein Lapine-Ausdruck. Bereits im Vorkapitel fiel der Begriff ni Frith. Hier ist eine gute Stelle um anzubringen, dass Frith die Sonne bedeutet und Inle der Mond. Beide haben jedoch darüber hinaus für die Kaninchen noch eine viel größere Bedeutung, was in einem der späteren Kapitel deutlich wird.
Zumindest zu dem Zeitpunkt möchten sie das Gehege verlassen haben, da die Gefahr immer drückender wird. Er rät jedoch Bigwig zur Vorsicht bei der Auswahl der Kaninchen, denn der Threarah wird es kaum mögen, dass er Mitglieder der Owsla zur Desertation ermutigt. Bei den Outskirters wie Hazel ist das egal. Wir hören dabei das erste Mal von einem weiteren Vorgesetzten von Bigwig, einem Captain Holly. Tatsächlich ist die Owsla hierarchisch angeordnet, wobei Captain (oder Hauptmann) eine der höchsten Positionen ist, nur knapp unter dem Oberkaninchen. Und mit der Warnung Hazels mit wem Bigwig reden soll, endet auch das Kapitel.

Nur noch eine kurze Anmerkung zur Anführerschaft: Wir erleben bereits hier Hazel als Anführer. Obwohl Fiver die Vision hat, trifft Hazel letztlich die Entscheidung das Gehege zu verlassen. Er bekommt dabei schon zwei Anhänger dazu. Seinen Freund Blackberry und mit Bigwig tatsächlich einen Owsla-Offizier. Ohne es vielleicht zu bemerken agiert Hazel ihn gegenüber schon als Anführer. Er sagt wann sie aufbrechen und gibt Bigwig den Rat vorsichtig zu sein bei der Auswahl der Kaninchen aus der Owsla. Und Bigwig erhebt keinerlei Einwände. Hazel wird bereits durch diese kleine Koordination ihrer Flucht zum Anführer.

Watership Down Kapitel 2: The Chief Rabbit

Noch ein kurzer Nachtrag zum letzten Kapitel: Leider hat die Realität mittlerweile das Werk eingeholt. In Sandleford Warren soll tatsächlich jetzt ein neuer Baugrund für 2000 Häuser entstehen. Richard Adams selbst hat dagegen jahrelang gekämpft, doch offensichtlich konnte der den Rat von Berkshire nicht umstimmen. Es ist schade zu sehen, dass selbst eine so bekannt gewordene Gegend, welche gerade durch den Film auch einige verstörende Szenen aufweist, nicht vor der Zerstörung des Menschen bewahrt werden kann.

Nun aber zurück zum Kapitel, welches den Titel "The Chief Rabbit" trägt und mit einem Zitat aus dem Buch The World von Henry Vaughan beginnt. Bei Vaughan handelt es sich um einen walisischen Autor und Dichter aus dem 17. Jahrhundert, hauptsächlich bekannt durch religiöse Texte. Wenn ich auch das Zitat jetzt nicht genau in einen Kontext einordnen kann, so reflektiert es doch den Inhalt dieses Kapitels recht gut. Es geht um einen Staatsmann, welcher zwar früher fähig war, jetzt aber sehr alt geworden ist.

Fiver hat seine schrecklichen Visionen noch längst nicht verarbeitet und hat einen fürchterlichen Albtraum durch welchen er Hazel weckt. Dieser Traum ist prophetisch und nimmt viele Ereignisse aus dem Buch vornweg, wobei die Zerstörung des Geheges noch nicht einmal enthalten ist. Bei passender Gelegenheit werde ich auf den Traum zurückkommen, denn er ist sehr interessant und wichtig für die weitere Handlung.
Im Jetzt beharrt Fiver jedenfalls darauf das Gehege zu verlassen, denn die Gefahr hat sich nicht verzogen und alle werden sterben, wenn sie noch länger bleiben. Hazel ist schließlich bereit dem nachzugeben und das Oberkaninchen aufzusuchen, um es von dem Vorschlag zu überzeugen, obwohl Hazel glaubt, dass es vergebens ist.

Auf dem Weg dahin treffen sie vor dem Bau des Oberkaninchens Thlayli oder Bigwig, wie er bei den Menschen heißen würde. Hier ist auch die dritte Art der Namensgebung bei den Kaninchen vorhanden: Eine Besonderheit des Fells - Bigwig hat ein großes Büschel auf dem Kopf. Adams gibt uns auch gleich den Lapine-Namen Thlayli, hält ihn jedoch womöglich als zu kompliziert zum Aussprechen, weshalb nahezu ausschließlich für den Rest des Romans dieses Kaninchen als Bigwig bezeichnet wird. Seltsamerweise wird uns der Lapine-Name von Hazel und einem Großteil der anderen Gruppe nicht genannt.
Bigwig ist eine der weiteren wichtigen Hauptkaninchen, hier ist er jedoch erst einmal nur das Sprachrohr zum Oberkaninchen. Er scheint Hazel in gewisser Weise zu respektieren, zumindest mehr als Toadflax (der Owsla aus dem letzten Kapitel) und lässt somit Hazel vor trotz der ungewöhnlichen Uhrzeit und der Bitte Fiver mitnehmen zu können. Und auch auf die Gefahr eine Schelte vom Oberkaninchen zu kassieren.

Dann erfolgt eine Beschreibung des Threarah und eines der wichtigsten Themen von Watership Down wird angesprochen: Anführerschaft. Wir bekommen eine sehr detailreiche Beschreibung des Threarah (wie er genannt wird, wie sich herausstellt nach dem einzigen Ebereschenbaum in der Umgebung). So ist er nicht allein durch Stärke zum Anführer geworden, sondern auch durch Besonnenheit und ein gewisses, kühles Wesen. Wir lernen hierbei, dass Kaninchen oft impulsiv handeln, was ihm jedoch fehlt. Das wird anhand seiner Taten deutlich. Eine Myxomatose-Epidemie , welche den Bau vernichtet hätte, hat er dadurch überwunden, dass er alle kranken Kaninchen fortschickte und eine Massenauswanderung verbat. 
Myxomatose ist eine Kaninchenkrankheit, welche speziell zu dem Zweck gezüchtet wurde, um die Kaninchenpopulation besonders in Australien einzudämmen. Der Erreger hat sich jedoch über die ganze Welt ausgebreitet und so auch in Europa hohe Opfer unter den Tieren gefordert. Für die meisten Kaninchen verläuft die Krankheit tödlich. In Großbritannien trat die Krankheit das erste Mal 1953 auf. Somit würde der zeitliche Rahmen des Romans doch eher in die 1950er und 1960er fallen.
Ein anderes Mal ist der Threarah ein Hermelin dadurch losgeworden, dass er es vor die Flinte eines Bauern gelockt hat.
Es zeigen sich somit typische Eigenschaften, welches ein Oberkaninchen hat: Stärke, jedoch auch das Treffen richtiger Entscheidungen und eine gewisse Kühlheit und Distanziertheit bei der Wahl solcher. Jedoch braucht es auch Mut und List und muss gewisse Wagnisse eingehen. Gleichzeitig jedoch behandelt er seine Untertanen mit Höflichkeit und drangsaliert sie nicht. Sie dürfen sogar von dem Kopfsalat fressen, welcher eigentlich nur für die Owsla privilegiert ist.
Nur eine Schwäche hat der Threarah (und sie führt letztlich zu seinem Untergang): Er ist zu alt und so fest in seine Position gewachsen, sodass er die Warnung von Fiver nicht ernstnimmt. Auch wenn Hazel dem Threarah sehr deutlich macht, dass Fiver eigentlich immer mit seinen Vorahnungen richtig lag, kann Fiver ihn nicht überzeugen, dass das Gehege in Gefahr ist. Der Threarah sieht das ganze pragmatisch: Es ist perfektes Wetter, keine Feinde sind in der Nähe und es gibt auch keine Krankheiten. Der Threarah ist somit voll und ganz der rationale Staatsmann, welcher die spirituelle Komponente ablehnt. Ein solcher Schritt braucht in seinen Augen lange Überlegungen, ehe er in die Tat umgesetzt werden kann, doch Fiver besteht darauf, dass keine Zeit ist. Danach hat Fiver einen Anfall und das ist der Punkt an dem der Threarah nicht mehr überzeugt werden kann. Obwohl er Hazel und Fiver höflich entlässt, steht sein Entschluss fest, auch wenn er gegenüber Hazel beteuert sich die Sache zu überlegen. Hier merken wir auch, dass das Alter doch das Gedächtnis des Threarah langsam getrübt hat, auch wenn beteuert wird, er könne noch klardenken. Bei ihrer Begrüßung glaubt er Hazel sei Walnut und auch am Ende spricht er ihn mit Walnut an. Völlig ändert sich sein Verhalten gegenüber Bigwig, den er dann tatsächlich, wie Bigwig es vorausgesehen hat, rundmacht.

Halten wir fest: Sandleford Warren wird von einem sehr fähigen Oberkaninchen angeführt, welches jedoch in die Jahre gekommen ist und aufgrund seines rationalen Pragmatismus das Spirituelle ablehnt. Obwohl sein Entschluss durchaus logisch und nachvollziehbar ist, wissen wir doch, dass es zu dem Untergang seines Geheges führt. So bleibt jetzt die Frage, was Hazel und Fiver machen, jetzt da sie keine Unterstützung von oberster Stelle erhalten.

Montag, 21. November 2016

Watership Down Kapitel 1: The Notice Board

Jedes Kapitel von Watership Down beginnt mit einem Zitat aus einem bekannten Werk, welches sich auf den Inhalt des Kapitels bezieht. Hier ist es ein kurzer Auszug aus dem Drama Agamemnon von Aischylos. Hierbei geht es um die Seherin Kassandra, welche ein schreckliches Unheil voraussieht - "The House reeks of death and dripping blood" jedoch vom Chor missverstanden wird.
Kassandra war in der griechischen Mythologie eine Seherin, die großes Unheil voraussehen konnte, jedoch von den Göttern so verflucht war, sodass niemand ihre Vorhersagen ernst nahm. Und tatsächlich begegnen wir hier mit einem Fiver einer "Kassandra" und haben noch vor dem ersten Satz eine direkte Verbindung zwischen Watership Down und der griechischen Mythologie. Biblische und mythologische Themen aus bekannten Sagen, Fabeln und Geschichten werden noch sehr oft auftauchen, wie sich zeigen wird.

"The primroses were over."
Große Klassiker und Romane definieren sich oft schon durch ihren ersten Satz und erlangen so eine bestimmte Bekanntheit. Der erste Satz sollte bereits den Leser in den Bann ziehen, nicht zu banal sein, auch nicht zu übertrieben, sondern eine gewisse Neugier wecken. So ist es auch hier. Diese einfache Phrase hier wirkt zunächst banal, und seine Bedeutung wird erst mit dem Schluss des Buches deutlich. So gesehen bleibt hier nur eine vage Symbolik übrig. Es bezeichnet den Ende eines gewissen Abschnittes und Vergängliches. Selbst das Sterben ist hier in gewisser Weise schon mitenthalten, wenn wir den weiteren Abschnitt genauer betrachten. Jedoch genug zum ersten Satz.

Adams verzichtet größtenteils auf eine klassische POV-Sicht und nimmt die Rolle eines allumfassenden Erzählers ein. So wir die idyllische Landschaft an einem Maiabend nicht aus Sicht der Kaninchen erzählt, sondern wie wir Menschen eine solche Gegend betrachten würden. Wir werden nicht direkt mit der Kaninchenperspektive konfrontiert, sondern wie ein Naturwissenschaftler führt uns Adams an die Protagonisten heran. So wird die Hauptfigur Hazel als ein Outskirter beschrieben - ein einjähriges Kaninchen, welches noch an Gewicht zulegt und aufgrund seiner Größe und Stärke am Rande des Baus lebt. Schnell wird deutlich, dass in einem Kaninchenbau Rangordnungen nach Größe und Stärke bestehen und schwächere Kaninchen ausgegrenzt werden. Ein weiteres Beispiel bekommen wir noch zu lesen, wenn Fiver die gefundenen Schlüsselblumen der Owsla überlassen muss.
Auch weiterhin bleibt Adams in der Perspektive des Wissenschaftlers, wenn das kleinere der beide Kaninchen hervorkommt und schließlich durch ein Gespräch zwischen zwei anderen Kaninchen sein ungewöhnlicher Name erklärt wird. In einer Fußnote merkt Adams an, dass Kaninchen nur bis vier zählen können. Ob das wirklich auf ernsthaften wissenschaftlichen Studien basiert, vermag ich nicht zu sagen, ich halte jedoch eine solche Annahme für höchst unwahrscheinlich, dass sie auf festen Fakten basiert. Adams beruft sich dabei auf ein Werk von Ronald Lockley The Private Life of the Rabbit. Jener Lockley hat das Verhalten von Kaninchen intensiv studiert, unter anderem auch ihr Zusammenleben in den unterirdischen Bauen, welches für den Menschen nicht so einfach einzusehen ist. Lockley gelang das mittels Glasscheiben. Somit basieren Adams' Überlegungen auf durchaus fundierten wissenschaftlichen Aussagen, doch auch wenn die Kaninchen in dem Roman immer Kaninchen bleiben, so ist eine gewisse Vermenschlichung doch nicht ganz zu vermeiden. 
Um zurück auf das Zählen zu kommen: es ergibt Sinn, da Kaninchen genau vier Pfoten haben. Alles darüber hinaus geben sie als Hrair an, was eine Menge bedeutet. Hier haben wir auch den ersten Beleg für die Kaninchensprache, welche Adams nur in Teilen verwendet. Es wird sehr deutlich, dass sich die Kaninchen nicht in Englisch unterhalten, sondern in Lapine. Der Einfachheit halber verwendet Adams natürlich trotzdem größtenteils Englisch und nur einige signifikante Begriffe werden in Lapine geschrieben. Selbst Tolkien hat darauf verzichtet seine Werke allein in fiktiven Sprachen zu verfassen oder seine Protagonisten so reden zu lassen. In der einen Fußnote jedenfalls werden bereits zwei Begriffe erklärt. Das schon genannte Hrair und Elil, welches die Feinde der Kaninchen bezeichnet. Diese sind so zahlreich, sodass sie als U Hrair "Die Tausend" bezeichnet werden. Ähnlich wie im Griechischen das myrioi steht wohl auch hier das U Hrair nicht für die genaue Zahl Tausend, sondern ist ein Synonym für viele.
Fiver jedenfalls, das kleine junge Kaninchen, heißt Hrairoo "Kleines Tausend", ein Name, der sich nur daher leitet, weil er das fünfte Kaninchen im Wurf gewesen ist und mit Abstand das kleinste, wofür Adams den Begriff "runt" gebraucht, was im Deutschen einem zurückgebliebenen Jungtier entspricht. Dementsprechend ist Fiver sehr ängstlich und wird von den anderen Kaninchen eher belacht, was wir an dem Dialog zwischen Buckthorn und Blackberry erkennen können. Selbst vor Hummeln erschreckt er sich, welche für Kaninchen eigentlich harmlos sind.

Kurz zu den Namen der Kaninchen: Ein großer Teil von ihnen ist nach Pflanzen benannt. Der Protagonist Hazel, natürlich nach der Haselnuss. Wir lernen hier bereits Buckthorn kennen, was im Deutschen Kreuzdorn bedeutet und Blackberry, die Brombeere. Fiver ist hier eine der Ausnahmen, denn sein Name bezieht sich deutlich auf seine Herkunft als fünftgeborenes Junges. Andere Kaninchen werden später auch nach ihrem Fell benannt, wodurch einige Zungenbrecher herauskommen. Mit der Benennung nach Pflanzen wird womöglich ihre enge Verbindung zur Natur deutlich hervorgehoben, vermutlich weil sich Kaninchen überwiegend von diesen Pflanzen ernähren.

Hazel und Fiver entfernen sich von den meisten anderen Kaninchen, wodurch sehr deutlich wird, dass sie sich eher als Außenseiter der Gruppe definieren. Bei Fiver ist es jedoch noch etwas anderes, er spürt, dass irgendwas mit dem Bau am heutigen Abend seltsam ist. Hier wird somit Fivers seltsame Begabung bereits angedeutet, Visionen von der Zukunft zu haben, denn zuvor wurde der Abend als perfekte Idylle beschrieben ohne das irgendein Feind die Kaninchen bedroht.
Fiver deutet zuvor noch sein anderes Talent an, das Finden von Schlüsselblumen. Er wird jedoch sofort von zwei Kaninchen daran gehindert, die größer und stärker sind als Hazel und Fiver. Wir erfahren hier was eine Owsla ist und das Schlüsselblumen nur für Mitglieder dieser bestimmt sind. In einer Fußnote erfahren wir mehr über die Owsla, eine Art Kriegerkaste, welche jedoch vielfältige Aufgaben übernehmen kann: Nahrungsbeschaffung, Herstellung der Ordnung, Patrouillieren. In dem hiesigen Gehege - von welchem wir hier das erste Mal den Namen erfahren: Sandleford Warren - ist die Owsla eher militärisch. Ob es wirklich in Kaninchengehegen eine Art Kriegerkaste gibt, halte ich auch für eher unwahrscheinlich. Die Owsla gibt jedoch hier einen Beweis ab, dass in Sandleford Warren das Recht des Stärkeren gilt, die Owsla privilegiert ist und schwächere Kaninchen sich den Geboten der Owsla zu beugen haben, in diesem Fall in dem sie gutes Fressen abgeben müssen.
Es wird bereits deutlich, dass Hazel mit dem System unzufrieden ist und daran etwas ändern möchte, sobald er in der Owsla ist und Outskirters nicht schlecht behandeln wird. Hazel überlegt sogar dem Bau komplett Lebewohl zu sagen. Mit Hazel haben wir hier also schon einen gewissen Idealisten. Er verspricht sich um seinen kleineren Bruder zu kümmern, wenn er in der Owsla ist und die aktuellen Zustände zu verbessern. Für den Moment treibt es ihn un Fiver jedoch nur noch weiter weg von dem Gehege, sodass sie eine neue Entdeckung machen.

Ein Stück außerhalb des Geheges finden sie etwas Neues: eine Anschlagtafel, die in die Erde gelassen wurde. Ohne zu wissen, was auf dem Schild steht, wird seine Bedrohlichkeit bereits sehr gut angedeutet durch den langen Schatten, den es auf das Feld wirft und die Unbehaglichkeit, die es bei den beiden Kaninchen hervorruft. Dass die Tafel erst seit kurzem dort steht untermalt ein Hammer mit Nägeln und eine noch glimmende Zigarette. Als Fiver das bemerkt, verhält er sich plötzlich sehr seltsam und ist sich ganz sicher, dass etwas Furchtbares auf sie zukommen wird. Er sieht das Feld mit Blut bedeckt ("Oh, Hazel, look! The field! It's covered with blood!" und weiß, dass auch ihr Gehege davor nicht sicher sein wird. Hazel glaubt ihm zunächst nicht (wodurch der Bogen gespannt wird zu dem Eingangszitat) und denkt Fiver meint den Sonnenuntergang. Jedoch wird er selbst skeptisch, denn Fiver rennt nicht in die Deckung, obwohl das die logische Reaktion eines Kaninchen wäre, welches Gefahr wittert.
Schließlich kehren sie doch zum Gehege zurück, weil es schon dunkel wird, auch wenn Fiver nur widerwillig ihr Loch betreten will.

Obwohl die Kanichen erst einmal wieder verschwinden, lässt uns Adams dennoch bei dem Geschehen verweilen, betont noch einmal die Gefahr, welche von der Anschlagtafel ausgeht und enthüllt schließlich deren Inhalt: An der Stelle soll ein Baugelände für Wohnhäuser entstehen. In einer Kaninchenperspektive wären wir niemals in der Lage gewesen den Inhalt zu verstehen, für uns jedoch ergibt es perfekt Sinn, weshalb Fiver allen Grund hat so unbehaglich bei einer Anschlagtafel zu reagieren. Und hier wird auch der Umweltschützer Adams deutlich. Er hat uns zunächst diese perfekte Idylle beschrieben, einige Kaninchen bereits nähergebracht und deutet jetzt an, dass alles zerstört wird, weil der Mensch neues Bauland braucht. Eine sehr subtile Art, um zu zeigen wie sehr der Mensch die Natur zerstört.

Zum Abschluss noch kurz ein paar Worte zum Handlungsort. Watership Down und auch das hier genannte Sandleford Warren sind reale Orte in England und befinden sich in Hampshire, der Heimat von Richard Adams. Sandleford gehört dabei schon zu Berkshire, dem benachbarten Bezirk von Hampshire und ist eine sehr kleine Ortschaft (hamlet) südlich von Newbury, wo Adams auch geboren ist. Sutch & Martin ist selbstverständlich eine fiktive Firma, denn auch wenn die Lokalitäten alle real sind, so sind die wenigen Menschen alle fiktiv.
Schwieriger ist hingegen die zeitliche Einordnung. Ich würde vermuten, dass Watership Down in der Kindheit von Richard Adams spielt, was die späten 1920er und frühen 1930er umfassen würde.


Sonntag, 20. November 2016

Watership Down Reread (Ankündigung)

In den folgenden Wochen vielleicht Monate werde ich mich intensiv eines meiner Lieblingswerke von einem meiner Lieblingsautoren widmen. Es ist Watership Down von Richard Adams.

Erschienen ist der Roman 1972 und war das erste veröffentliche Buch von Richard Adams. Dass das Buch überhaupt erschienen ist, verdanken wir einer Reihe glücklicher Zufälle. Eigentlich war Adams, welcher im Zweiten Weltkrieg in der British Army gedient hatte, zu dem Zeitpunkt beim British Civil Service angestellt, in der Abteilung Umwelt und bereits um die 50. 
Jeden morgen fuhr er seine Töchter zur Schule und erzählte dabei Geschichten über Kaninchen. Irgendwann baten sie ihn die Geschichten niederzuschreiben und als Buch zu veröffentlichen. Adams setzte das Vorhaben auch in die Tat um, wurde jedoch von zahlreichen Verlegern abgelehnt, bis schließlich Collings zusagte.
Das Buch wurde ein voller Erfolg und ist bis heute ein Klassiker der englischen Literatur. Es gewann die Carnegie Medal von 1972 und den Guardian Prize. 1978 folgte eine Adaption durch Martin Rosen, welche auf ihre ganz eigene Art Berühmtheit erlangen sollte, dazu jedoch ausführlicher an anderer Stelle.

Was genau ist es, was an einem Buch über Kaninchen so faszinierend ist? Das soll in den folgenden Wochen genauer analysiert werden.

Review: The Hero of Ages (Brandon Sanderson)

Mit seinem (vorerst) letzten Band bringt Brandon Sanderson die Mistborn-Trilogie zu einem grandiosen und würdigen Ende. In diesem Teil müssen sich Vin, Elend, Sazed und Co. mit den Auswirkungen auseinandersetzen, welche die Befreiung der seltsamen Kraft im Well of Ascension bewirkt. Diese Kraft, die sich Ruin, droht die Welt zu vernichten. Ausgerechnet der tyrannische Lord Ruler hat dieses Ereignis vorhergesehen und kluge Maßnahmen getroffen, damit die Welt die Rückkehr von Ruin überleben kann. In fünf Städten hat er dazu riesige Vorratslager geschaffen mit weiteren Hinweisen wie die übriggebliebenen Leute mit Ruin umgehen sollen.
Jedoch steht ein Usurpator im Weg, um die letzte der Vorratskammern in Besitz zu nehmen und das finale Geheimnis zu entlüften. So bleibt Elend und Vin nichts anderes übrig als die Stadt zu belagern und zu hoffen, dass sie rechtzeitig Ruin davor stoppen können, die Welt zu vernichten.

Der Band knüpft von der Qualität nahtlos an seine beiden Vorgänger an. Neben Vin, Elend und Sazed rücken jetzt auch Spook, der Kandra TenSoon und der gefährliche Inquisitor Marsh in den Mittelpunkt. Alle Charaktere haben nicht nur mit Ruin zu kämpfen, sondern auch mit inneren Konflikten. Elend, der daran verzweifelt, dass er es trotz seiner Bemühungen nie zu schaffen scheint, seine Leute zu beschützen. Vin, welche unfähig ist eine Verbindung mit den geheimnisvollen Nebeln einzugehen, welche vor dem Tod des Lord Ruler ihr so vertraut und ein Teil von ihr waren. Sazed, welcher sich nach dem Tod von Tindwyl die Glaubensfrage stellt und daran verzweifelt, dass keine der hunderten Religionen eine Antwort parat hat was mit der Welt passiert. TenSoon, welcher in den Konflikt gerät mit den Gesetzen seiner eigenen Art. Und Spook, welcher doch stark damit zu kämpfen hat, dass er in Kelsiers Gruppe eher zufällig aufgenommen und als unbedeutend abgestempelt wurde. Der oft zu hörende Vorwurf, Sandersons Charaktere wären blass und eindimensional, um die Handlung voranzutreiben und die überraschenden Wendungen einzubauen, kann ich absolut nicht nachvollziehen. Das Schicksal nahezu jedes Charakters ging mir nahe, selbst die Koloss erscheinen als sehr tragische Wesen, wenn die Wahrheit hinter ihren blauen Häuten offenbart wird. Und wenn einem Charaktere Emotionen entlocken können, so hat meiner Meinung nach der Autor alles mit ihnen richtig gemacht.

Über die Wendungen brauche ich gar nicht groß die Worte zu verlieren. Wirklich jeder Twist von der ersten bis zur letzten Seite hat bei mir für einen Aha-Effekt gesorgt und eine perfekte Antwort für eine offene Frage bezüglich der seltsamen Mistborn-Welt geliefert. Mit der Hemalurgie wird eine dritte Form der Metallmagie eingeführt, welche die Entstehung von Inquisitoren, Koloss und Kandra erklärt, inklusive deren Eigenschaften. Ähnlich erfährt der Leser endlich was es mit den Nebeln auf sich hat, dem Hero of Ages und dem geheimnisvollen Atium.
Tatsächlich hat man am Ende des Bandes das Gefühl, dass hier ein Autor am Werke war, der von Anfang an alles genau durchgeplant hatte, wusste wann er welchen Kniff erklärt und immer eine Erklärung parat hatte, sodass sich selbst Momente, die in anderen Reihen als Deus-ex-machina kritisiert worden wären, natürlich und passend angefühlt haben. Und dabei kamen selbst die Charaktere nicht zu kurz.

Fazit: Eine der besten Fantasy-Serien, die ich seit längerem gelesen habe - eine interessante Welt mit tollen, faszinierenden Charakteren, überraschenden und logischen Twists, einem sehr gut aufgebauten Magiesystem. Eine klare Leseempfehlung für jeden, der Fantasy mag.

Samstag, 12. November 2016

Review: The Well of Ascension (Brandon Sanderson)

Der zweite Teil der Mistborn-Trilogie spielt etwa ein Jahr nach den dramatischen Ereignissen von Band 1. So wird die noch junge Herrschaft von Vin, Elend, Sazed und Co. - nach Beseitigung des Lord Ruler - stark bedroht. Einige auswärtige Lords, unter anderem Elends tyrannischer Vater Straff, erkennen die neue Regierung nicht an und belagern deshalb Luthadel, um selbst die Macht zu ergreifen. Schnell ergibt sich eine höchstgefährliche Situation in der gleich drei große Armeen die Hauptstadt belagern und nur aufgrund der Gefahr, bei einem verfrühten Angriff von den jeweils anderen Armeen überwältigt zu werden, nicht direkt angreifen. Es entsteht eine Patt-Situation aus welche sich die Helden durch geschickte Diplomatie und riskanten Manövern herauszuwinden versuchen. Das ist im Wesentlichen der Inhalt des ganzen Buches. Parallel dazu werden auch die letzten Worte des Lord Rulers wahr - wonach durch sein Tod Schlimmes passieren wird. So fangen die geheimnisvollen Nebel an, sich auch tagsüber zu bilden. Dabei werden immer häufiger Menschen auf seltsame Art und Weise getötet, außerdem nehmen manche Nebelgeister wahr. Mithilfe einer stählernen Inschrift, welche Sazed in einer Festung der Inquisitoren findet, kommt er einen Geheimnis auf die Spur, wonach wieder der Hero of Ages den Well of Ascension finden muss, um das Übel zu stoppen. Jedoch ist die Inschrift - geschrieben vor der Machtergreifung des Lord Ruler von einem der mächtigsten Priester der Terris - voller Widersprüche bezüglich des Helden, sodass nicht ganz klar wird was er eigentlich machen soll.
Im Gegensatz zum ersten Band beschränkt sich The Well of Ascension verstärkt der Charakterzeichnung. Neue POVs kommen hinzu, unter anderem Sazed, was mich sehr gefreut hat und es gibt auch neue interessante Charaktere wie Zane, der psychisch gestörte Halbbruder von Elend, welcher selbst ein mächtiger Mistborn ist. Besonders interessant ist hierbei die Beziehung zwischen Zane und Vin. Zane versucht Vin immer wieder zu manipulieren und redet ihr ein, dass sie von Elend und dem anderen nur als Waffe benutzt wird und gar nicht verstanden wird. Anfangs wehrt sich Vin noch dagegen, aufgrund ihrer Beziehung mit Elend und dennoch kommen ihr immer wieder Zweifel. Elend hingegen hat damit zu kämpfen als König und Herrscher wahrgenommen zu werden, denn er hat nicht nur Probleme mit den gegnerischen Armeen, sondern auch mit seinen eigenen Leuten, welche bald an ihm zweifeln.
Dadurch hat der Band einige ungewollte Längen, die doch an manchen Stellen ein Stück weit auch langweilig sind. Und nicht immer ist die Entwicklung der Charaktere interessant zu lesen, sie zieht sich teilweise stark hin und wirkt redundant. Gelungen sind hingegen die neuen Charaktere wie Zane, Tindwyl, der Kandra TenSoon und Cett. Als etwas störend empfand ich nur Allrianne, die in meinen Augen eher überflüssig war und streckenweise doch die Rolle des nervigen Frauencharakters eingenommen hat, da sie einfach zu viele Klischees erfüllt (ständiges Nörgeln, das Tragen von teuren Kleidern, unbändige Neugier). Das alte Stilmittel, wonach jedes Kapitel mit einem in kursiv geschriebenen Text beginnt, funktioniert immer noch perfekt.
Bis kurz vor dem Ende hätte ich das Buch somit als schwächer als Band 1 eingeschätzt. Dann folgt jedoch ein sehr brillanter Twist, welcher einem das ganze Buch und sogar den ersten Band mit völlig anderen Augen sehen lässt. Ich habe ihn nicht kommen sehen und doch ergibt er in seiner Gesamtheit auf perfide Art und Weise perfekt Sinn. Nur deshalb gefällt mir der zweite Buch trotz einiger Längen besser als der erste und ich bin schon gespannt wie die Trilogie abgeschlossen wird.


Donnerstag, 27. Oktober 2016

Review: Mistborn (Brandon Sanderson)

Vor ungefähr zwei Jahren fing ich an Wheel of Time von Robert Jordan zu lesen, eine der bekanntesten Fantasy-Serien der Post-Tolkien-Ära, zumindest in den USA. Eingestellt hatte ich mich auf eine sehr lange, aber hoffentlich interessante Reihe, ich bekam stattdessen Streitigkeiten der Geschlechter auf Vorschulniveau, endlose Beschreibungen von Kleidung, einen seelenlosen RPG-Charakter als Hauptperson, nervige Völker mit völlig bescheuerten Ehrenkodizes, die mary-sueigste Prinzessin der Literaturgeschichte, coole Bösewichter, deren Potential jedoch überhaupt nicht ausgeschöpft wird und viele andere Dinge, die ich mittlerweile erfolgreich verdrängt habe. Warum ich überhaupt bis zum Ende gelesen habe, lag nur an zwei Dingen:
1. Ich beende normalerweise die Bücher oder Buchreihen, die ich angefangen habe, egal wie langweilig oder schlecht sie sind. In diesem Falle wurde mein Perfektionismus jedoch auf eine harte Probe gestellt.
2. Mich machte es neugierig wie eine Reihe ausgeht, deren letzten Bände nicht vom gleichen Autor geschrieben worden sind. Wer es nicht weiß: Robert Jordan starb 2007 an einer unheilbaren Blutkrankheit als sein Werk noch nicht beendet war. Seine Frau und Editorin erwählte den Fantasy-Autor Brandon Sanderson die Reihe zu vollenden.
Und Sanderson machte den Job überragend. Nicht nur sind die drei letzten Bände deutlich besser geschrieben, auch die Charaktere fühlen sich stärker wie echte Menschen an und auch die Spannung wird über mehrere Seiten aufrechterhalten. Grund genug also auch den eigenen Romanen von Brandon Sanderson eine Chance zu geben. So habe ich mich nach einigem Überlegen und Recherchieren für seine Mistborn-Reihe entschieden.
Der erste Band dieser Reihe mit dem gleichen Titel erschien 2006 und war der erste Roman von Sanderson nach seinem Erstlingswerk Elantris. In den folgenden Jahren kamen die beide Folgebände heraus. Jedoch ist Mistborn bereits in sich abgeschlossen und kann auch ohne Nachfolger als eigenständiges Werk für sich stehen. Hier folgt jetzt eine ausführliche Review zu dem Buch.
ACHTUNG: Ich halte wenig von spoilerfreien Reviews. Ich werde hier auf alle Ereignisse, die im Buch vorkommen Bezug nehmen, aber Spoiler zu anderen Werken kennzeichnen. Wer das Werk noch lesen und sich nicht den Spaß verderben lassen will sollte jetzt aufhören die Review zu lesen!


Inhalt

Die Handlung findet in einer typischen Fantasy-Welt statt, welche als Final Empire (da ich nur das englische Original gelesen habe, verwende ich bei solchen Eigennamen auch die englischen Titel) bezeichnet wird. Regiert wird das ganze Reich von einem Lord Ruler, welcher unsterblich ist und bei seinen Leuten den Status eines Gottes erreicht hat. Ursprünglich war er als ein Auserwählter dazu bestimmt die Menschheit vor einem nicht näher definierten Bösen, die Deepness, zu retten. Ihm scheint das gelungen zu sein, doch irgendwas ist dabei mit ihm passiert und er wurde zu einem grausamen Tyrannen. So ist die Gesellschaft im Final Empire in eine klare Zwei-Klassengesellschaft unterteilt. Es gibt die Adligen, eine Oberschicht und Skaa, eine Unterschicht, welche wie Sklaven und Pariahs behandelt werden. Letztere müssen für die Adligen auf Plantagen, in Schmieden oder anderweitig arbeiten. 
Geprägt ist die Welt auch von einigen klimatischen Besonderheiten. Es regnet sehr häufig Asche und nachts ist die Außenwelt von einem seltsamen Nebel überzogen. Pflanzen wachsen zwar noch, aber sind nicht mehr grün.
Neben den normalen Menschen gibt es eine bestimmte Gruppe, welche durch den Einsatz von Metallen bestimmte Fähigkeiten hat, die ihnen Vorteile verschafft. Das sind die Allomancer. Die meisten von diesen können nur ein bestimmtes Metall verwenden und werden Mistings genannt. Diejenigen, welche alle Metalle verwenden können sind die Mistborn und extrem selten. Dieses Magiesystem ist sehr logisch aufgebaut. Jedes Metall hat dabei als Partner eine Legierung, welche das Gegenteil bewirkt.
Im kurzen Überblick sind das:
Kupfer: verbirgt jemanden, der Allomantie verwendet
Bronze: registriert allomantische Impulse 

Zinn: verschärft die Sinne und Wahrnehmung
Hartzinn (pewter): vergrößert die körperliche Stärke und Ausdauer

Zink: verstärkt Emotionen eines anderen
Messing: vermindert die Emotionen eines anderen

Eisen: zieht nähere Metalle an
Stahl: drückt nähere Metalle weg

Verwendet werden diese Metalle durch alkoholische Lösungen in kleinen Phiolen, welche getrunken werden, sodass sich die Metalle dann im Körper befinden. Durch einen als "Verbrennen" bezeichneten Vorgang werden die Metalle verwendet, bis sie aufgebraucht sind. Sehr gut fand ich es, dass die Verwendung eines jeden Metalls auch ihre negativen Konsequenzen hat. Ein gutes Beispiel ist hier Zinn, welches zwar dabei hilft besser und auf größere Distanzen zu sehen, aber einen auch anfällig macht für laute Geräusche oder zu helle Lichtquellen.

Ausgangspunkt der Geschichte ist schließlich das Vorhaben eines gewissen Kelsiers das Final Empire und den Lord Ruler zu stürzen. Er selbst ist ein Mistborn und zu einer Legende unter den skaa geworden, weil er einziger aus den Minen von Hathsin entkommen konnte, eine Art Strafgefängnis des Lord Ruler für besonders schlimme Vergehen. Neben seinen Freunden bekommt er dabei unerwartet Hilfe von einer unscheinbaren Diebin, welche sich auch als Mistborn herausstellt.

Die Charaktere


Kelsier

Für mich war Kelsier in vielerlei Hinsicht der faszinierendste Charakter der Geschichte. Er hat ein unglaubliches Charisma, welches nie aufgezwungen, nervig oder fehl am Platze wirkte. Sein Plan wirkt zunächst größenwahnsinnig, er schafft es jedoch nicht nur die Zweifel seiner Crew zu beseitigen, sondern auch meine eigenen. Von Rückschlägen lässt er sich nicht unterkriegen und kämpft immer weiter, was ich wirklich bewundernswert an ihm fand. Er ist zudem kein moralisch einwandfreier Held. So hat er keine Probleme Mitglieder der Nobilität umzubringen, weil es jeder in seinen Augen verdient hat zu sterben, der das Final Empire am Bestehen aufrechterhält. Für diese sehr zweifelhafte Einstellung wird er aber auch von anderen kritisiert, unter anderem seinem Bruder Marsh und auch Vin.

Vin

Vin ist in vielerlei Hinsicht die Hauptperson der Handlung. Zunächst ist sie eine schüchterne, naive Diebin, welche sich am liebsten versteckt hält und extrem paranoid ist. Grund dafür ist die Misshandlung durch ihren Bruder und anderen Dieben. Und gerade weil ihr Bruder sie verlassen hat, traut sie absolut niemanden und glaubt, dass jeder sie früher oder später verraten wird.
Vin kommt, nachdem ich jetzt ewig lange miesgeschriebene Frauencharaktere in Fantasy-Werken hatte, sehr erfrischend rüber. Sie ist weder reines Love Interest, noch verfällt sie in den zickigen Frauencharakter (der besonders bei Wheel of Time auftritt) und auch obwohl sie sich plötzlich als eine sehr fähige Mistborn herausstellt fällt sie nicht in den Mary-Sue-Bereich, da ihr trotz Allomantie längst nicht alles gelingt. Besonders schön fand ich ihre Rolle als Spionin bei den Bällen der Nobilität, wo sie bald in ein moralisches Dilemma gerät, weil sie sich in einen von ihnen verliebt. 

Andere Charaktere

Kelsier und Vin sind zunächst - vom Prolog abgesehen - die einzigen POVs, doch es gibt auch noch zahlreiche andere interessante Charaktere. So gefiel mir Kelsiers Crew sehr gut. Der zynische Breeze, der philosophierende Ham, der mürrische Clubs und auch Dockson, sie gefielen mir alle und ihr Zusammenspiel hat mir auch sehr gefallen. Ihre Interaktion fühlte sich echt an, wie Freunde, die es ein Leben lang sind und die jetzt gegenseitig aufeinander vertrauen.
Besonders sympathisch ist mir Sazed geworden. Er ist ein Terrisman, welcher als Diener für Vin agiert, als sie ihre falsche Persönlichkeit als Adlige annimmt. Zunächst wirkt er unscheinbar, doch durch ihn erfahren wir viel über die Kultur von Terris und lernen eine neue Art der Metallmagie kennen. Die Feruchemy, welche es seinen Trägern erlaubt bestimmte Fähigkeiten in Metallen zu speichern, wobei hier nicht Metalle die Quelle sind, sondern der eigene Körper verwendet wird. Neben physischen Eigenschaften erlaubt es Feruchemie auch geistige Fähigkeiten zu speichern. So ist es die Hauptaufgabe der meisten Terrismen Wissen zu sammeln und einzuspeichern. Eine in meinen Augen sehr interessante Fähigkeit, welche der Crew ein ums andere mal bei ihrem Plan hilft.
Ähnlich sympathisch ist mir auch Elend Venture geworden, immerhin Erbe des mächtigsten Hauses in Luthadel, der Hauptstadt des Final Empire. Er verliebt sich in Vin und es stellt sich heraus, dass er die üblichen Ansichten der Nobilität bezüglich der skaa nicht teilt.
Die Antagonisten halten sich größtenteils im Hintergrund. Besonders bedrohlich wirken hierbei die Inquisitoren, welches Kreaturen sind, die speziell dazu ausgebildet sind Mistings und Mistborn zu finden und zu bekämpfen. Sie sind fast nicht zu töten. Und dann gibt es noch den Lord Ruler, welcher zwar auch kaum auftritt, aber seine Präsenz ist irgendwie beständig durch die Seiten hinweg zu spüren.

Der Stil

In der Hinsicht hebt sich das Werk nicht groß von anderen Fantasy-Werken ab. Es wird in POV-Form erzählt, größtenteils durch Kelsier und Vin. Es ist in fünf Teile unterteilt mit Prolog und Epilog und jeweils Unterkapiteln. Sowohl Sprache als auch Satzbau sind sehr einfach gehalten. Das fand ich sehr toll, denn es muss nicht immer hochkomplexe Fantasy sein. Und der einfache Stil trägt definitiv die Story voran.
Das mit Sicherheit interessanteste und kennzeichnendste Stilmittel sind in kursiv geschriebene kurze Einträge aus einem Tagebuch des Helden bevor er zum Lord Ruler wurde. Dasselbe Buch finden die Protagonisten auch später. Es ist interessant zu lesen, denn dort erleben wir einen Mann voller Selbstzweifel, der nicht weiß ob er seine Aufgabe wird erfüllen können und der hofft wirklich das Beste für die Menschheit zu erreichen. Das steht in scharfen Kontrast zu der unterdrückerischen Herrschaft des späteren Lord Ruler und lässt einen rätseln, wie es zu dieser Wandlung kommt. Den Twist dazu habe ich nicht kommen sehen, er ist aber letztendlich sehr logisch.

Großartige Momente (hier sind besonders die Spoiler zu finden)

So zum Abschluss noch eine Liste der großartigsten Momente in meinen Augen:
  • Kelsier bricht in Haus Venture ein und stiehlt Atium: Es ist das erste Mal, dass wir die allomantischen Fähigkeiten eines Mistborn in vollen Zügen zu sehen bekommen
  • Vin und Kelsier brechen in Kredik Shaw ein und werden beinahe von den Inquisitoren überwältigt
  • als die Skaa-Armee der Crew bei einem sinnlosen Angriff auf eine Kleinstadt verlorengeht, weil sie komplett getötet wird
  • die öffentlichen Exekutionen der Skaa
  • Vins Kampf gegen Shan Elariel
  • Kelsier wird durch den Lord Ruler getötet und es stellt sich heraus, dass er sich geopfert hat, damit die Skaa durch seinen Märtyrertod angestiftet rebellieren
  • die Inquisitoren übernehmen das Ministerium
  • es stellt sich heraus, dass der Lord Ruler nicht der namenlose Auserwählte aus den Tagebüchern ist, sondern der Packmann Rashek, welcher letztendlich die Rolle des Auserwählten eingenommen hat
  • Vin findet das Geheimnis des Lord Ruler heraus

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Neuankündigung

Hallo liebe Leser!
Der Blog wird eine komplette Neuausrichtung erfahren. Da Lost jetzt doch schon einige Jährchen her ist und auch in meiner Prioritätenliste eher weiter unten angesiedelt ist, werde ich mich in der Zukunft verstärkt Büchern zuwenden.

Lesen war schon immer eines meiner Lieblingshobbys, eines dem ich in den letzten Jahren wieder intensiver gewidmet habe. Beschränken werde ich mich hier auf ausführliche Analysen von Büchern, die ich schon gelesen und Reviews oder Rezensionen zu Werken, die ich das erste Mal durchgelesen habe. Beginnen werde ich mit Romanen meines Lieblingsautors Richard Adams. Bekannt geworden ist er hauptsächlich durch sein Erstlingswerk "Watership Down", welches ein weltweiter Erfolg wurde und heute als ein Klassiker gilt. Danach konnte er mit keinem seiner folgenden Romane an den Erfolg von "Watership Down" anknüpfen. Ich versuche, besonders an seinem zweiten Werk "Shardik" nachzuweisen, warum ihm das nicht gerecht wird.

Je nachdem wie meine Motivation ist, werde ich mich vielleicht auch über Adams hinaus an anderen Werken versuchen. Mein Engagement hängt dabei nicht davon ab, wie der Blog frequentiert wird. Habe ich auch nur einen Leser, reicht mir das völlig aus. Ihr seid natürlich dazu eingeladen, (möglichst konstruktives) Feedback zu hinterlassen. Beleidigungen, Spam und Beiträge mit rassistischem Inhalt werden kommentarlos von mir gelöscht. Ich hoffe jedoch nicht, dass es so weit kommt.

 Für den Moment bleibt mir nur zu sagen: Viel Spaß beim Lesen!

Donnerstag, 27. Februar 2014

Mein Statement zu Nikki und Paulo

Warum ich Nikki und Paulo mochte?

Wenn es darum geht, den größten Castingfehlgriff der Lost-Autoren zu benennen, so sind sich die Lost-Fans weitgehend einig. Kiele Sanchez und Rodrigo Santoro, die für die Rollen von Nikki und Paulo gecastet worden sind und den Backgroundcast etwas aufwerten sollten, wurden nach nur 14 Folgen wieder herausgeschrieben, ohne wirklich große Auftritte gehabt zu haben (abgesehen von "Expose"). Die Autoren reagierten dabei hauptsächlich auf Fan-Proteste, die die plumpe Hereinnahme der beiden stark kritisierten, sodass die Autoren sich zum Handeln gezwungen sahen. Doch ist diese Kritik wirklich berechtigt?
Ich bin einer der wenigen Lost-Fans, der von den beiden nie wirklich genervt war, ja die beiden sogar mochte und die Idee, die die Autoren offenbar mit ihnen verfolgten. Ehrlich gesagt bin ich teilweise sogar wütend über die anderen Lost-Fans, die die Herausnahme von Charakteren verlangen und somit in die Arbeit der Autoren pfuschen. Das führte letztendlich zu dem Dharma-Desaster in Staffel 5, eine weitere Storyline, die aus Fanwünschen entstand und katastrophal floppte. Nikki und Paulo waren Gold, das habe ich sehr deutlich gemerkt, gegenüber katastrophalen Castingfehlbesetzungen späterer Staffeln wie Eric Lange als Radzinsky, Patrick Fischler als Phil oder Sheila Kelley als Zoe. Deshalb ist es an der Zeit eine Lanze für die beiden zu brechen.

1. Einführung der Charaktere: Der Hauptkritikpunkt der Fans war ihre plumpe Einführung in "Further Instructions". Ich bin ehrlich, diese war ideal gemacht für zwei Charaktere, die zwar für den Zuschauer neu sind, aber nicht für die anderen Losties. Dadurch, dass Locke ihnen Aufgaben gibt und sie bennent, werden sie dem Zuschauer auch sofort namentlich bekannt. Außerdem erhöht es den Realismus ungemein, wenn nicht nur Charlie, Claire und Hurley sich um Eko sorgen, sondern auch einige der Statisten. Dieses Gefühl vermitteln Nikki und Paulo in dieser Szene perfekt. Deshalb habe ich an ihrer Einführung nichts auszusetzen.

2. Notwendigkeit ihrer Einführung: Am Ende von Staffel 2 und dem Anfang von Staffel 3 ist der Cast von Lost stark ausgedünnt. Mit dem Tod von Boone und Shannon haben mit Ian Somerhalder und Maggie Grace bereits zwei Schauspieler die Serie verlassen, die von Anfang an dabei waren. Durch die Abreise von Michael und Walt sind auch Harold Perrineau und Malcolm David Kelley aus der Serie verschwunden. Von den neu gecasteten Schauspielern ist nur AAA dabei, die Charaktere von Michelle Rodriguez und Cynthia Watros wurde bereits wieder entfernt.
Noch dazu befanden sich zu Beginn der 3. Staffel Jack, Kate und Sawyer in Gefangenschaft der Others, Sayid, Sun und Jin waren mit dem Segelboot unterwegs. Außerdem waren in der Folge "Further Instructions" zunächst Hurley, Desmond, Locke, Charlie und Eko irgendwo im Dschungel. Eigentlich war nur noch Claire vom Maincast im Strandcamp. Was ich damit sagen will, neue Charaktere hat diese Show dringend gebraucht und den Versuch welche aus dem bisher stummen Backgroundcast in den Vordergrund zu rücken, war angesichts der unruhigen Lage des Strandcamps nur folgerichtig.

3. Schauspielerische Leistung: Auch hier habe ich an den beiden nichts auszusetzen. Rodrigo Santoro und Kiele Sanchez bestechen in ihren leider nur kurzen Auftritten ohne das nervige Overacting eines Eric Lange oder nerven mit einer minimalistischen Mimik wie Evangeline Lilly. Auch sind sie nicht komplett talentfrei wie beispielsweise Sheila Kelley. Keine ihrer Dialogzeilen wirken aufgesetzt oder klischeehaft. Ehrlich gesagt Paulos "The toilet is still working" ist ein hurleyreifer Spruch und ich wette 100 Euro, hätte Hurley das gesagt, jeder hätte sich kaputtgelacht und würde diese Szene in den lustigsten Lost-Sprüchen zitieren. Ein solches Verhalten der Fans grenzt schon an Doppelmoral. Auch ihr Totstellen wirkt professionell gespielt, besser als das beispielsweise Andrew Divoff und William Mapother hinbekommen haben.

4. Kurze Auftritte: Was ich mich wieder frage: Wenn Nikki und Paulo die Fans so schlimm genervt haben sollen, wie konnte es dazu kommen bei solchen Kurzauftritten? Bis "Expose" gibt es genauer gesagt nur eine Folge, in der sie etwas stärker in den Vordergrund rücken und das ist in "The Cost Of Living." Und dort ist Paulos Klo-Spruch und Nikkis hilfreicher Ratschlag, kein Auftritt nach dem ich sagen würde, weg mit den beiden.
Sonst bekommen die beiden mit höchstens ein, zwei Dialogzeilen pro Folge aus. Nur an einer einzigen Stelle war ich von Paulo etwas genervt hat, nämlich als er Früchte mit einem Golfschläger ins Meer schießt. Für mich wirkte das alles wie Statisten, die nur etwas mehr zu sagen hatten, ähnlich wie Sullivan oder Arzt. Kurz gesagt, die beiden hätten diese Rolle auch weiterhin ausfüllen können und hätten mit Sicherheit weniger genervt als Zoe, Radzinsky oder Phil.

5. "Expose" ist ein Geniestreich: Okay, das ist eine sehr persönliche Komponente, aber dennoch bin ich der Meinung, wenn man ausblendet, dass die Haupthandlung für eine Folge nicht weitergeht, kann man diese Folge nur lieben. Und in Anbetracht der Tatsache, dass es dutzende davon allein in den ersten beiden Staffeln und auch zu Beginn dieser gab und auch später noch geben wird, störe ich mich daran überhaupt nicht. Die Folge ist einfach nur ein Geniestreich, da sie das Konzept von Lost schonungslos offen hinterfragt und mit geschickten Spitzen die ganze Serie aufs Korn nimmt. Die vor Klischees triefende Hintergrundgeschichte, die nur die parodistische Blaupause von fast jedem Lost-Charakter ist, der ironische Kommentar, was mit Guest Stars passiert, sogar die Spoilererei wird hier thematisiert. Verpackt ist das Ganze mit bitterbösem Zynismus und schwarzem Humor, welches die Morduntersuchung der beiden durch die Losties und das Begräbnis ergibt.

6. Potential: Nikki als kaltblütige Mörderin, die unbedingt ihr Ziel erreichen will, aber noch außen hin unschuldig tut, das hätte man meiner Meinung nach wunderbar in die Serie integrieren können. Sie wäre ein nettes und hübsch anzusehendes Gegenstück zu den eher blasse und langweiligen Frauencharakteren bei Lost gewesen. Allemal besser als die hysterische Claire, die immer langweilig werdende Sun oder die eindimensionale Kate. Ich gehe sogar so weit zu sagen, mit Nikki wäre das Potential eines "weiblichen" Bens dagewesen!
Auch Paulo hätte durchaus mehr sein können, als nur der Erfüllungsgehilfe und das Love Interest von Nikki. 

Fazit: Alles in allem haben sich die Lost-Autoren meiner Meinung nach eine Riesenchance verbaut, zwei Charaktere mit Potential in die weitere Haupthandlung zu integrieren. Und das alles nur aufgrund von Fan-Protesten!

Mein Statement zur 2. Staffel

Warum ich Staffel 2 nicht mag?

Es dürfte deutlich geworden sein bei meinen Bewertungen und auch bei meinen Recaps, dass ich kein großer Fan der 2. Staffel bin und sie für die schwächste von Lost halte. Erstaunlicherweise gehöre ich da einer Minderheit an, denn ein Großteil liebt die 2. Staffel und sieht diese sogar als Höhepunkt der Serie an. Ich beneide solche Fans, denn sie können einem Aspekt der Serie viel abgewinnen, zu dem ich nie einen guten Draht gefunden habe. Gleichzeitig bedauere ich es aber, dass oftmals die gleichen Fans nichts mehr mit der chaotischen 4. Staffel oder den Zeitreisen in Staffel 5 anfangen konnten.
Ich möchte an der Stelle noch einmal die Hauptgründe anführen, warum die 2. Staffel bei mir nicht gut angekommen ist.

1. Der rote Faden: Ich bin der Meinung von allen 6 Loststaffeln hat die zweite am wenigsten einen roten Faden und einen durchgängigen omnipräsenten Handlungsstrang. Die Swan und ihr Zweck steht dafür einfach zu selten im Vordergrund, denn sie ist in 19 von 24 Folgen lediglich der Handlungsort. In Staffel 1 dagegen geht es durchgängig um die Einführung der Charaktere, in Staffel 3 um die Konflikte mit den Others, in Staffel 4 ist es die interessante Mischung aus den Flashforwards und dem Konflikt mit den Frachter-Leuten, Staffel 5 hat die Zeitreisen und Staffel 6 die Auseinandersetzung zwischen Jacob und Smokey.
Staffel 2 hingegen verliert besonders nach den drei starken Anfangsfolgen merkbar ein Ziel aus den Augen und wiederholt eher plakativ Charakterwandlungen, die wir schon in Staffel 1 gesehen hatten. Resultat sind redundante Folgen wie "What Kate did?", desaströse wie "Fire+Water", Lückenfüller wie "... And Found" und den Charakter zerstörende Folgen wie "The Long Con." Viele dieser Folgen verlaufen im Nichts, haben nie aufgelöste Cliffhanger und spätestens nach "Fire+Water" habe ich ernsthaft daran gezweifelt, welches Ziel die Serie verfolgt und ob sich die Autoren nicht in den vielen, wirren Einzelhandlungen verloren hätten. Zum Glück schaffen sie die Wende mit der Einführung von Benjamin Linus.

2. Die Charaktere: Was ich schon bei 1. angesprochen habe, ist ein weiterer großer Kritikpunkt dieser Staffel. Die Weiterentwicklung oder Nichtentwicklung vieler Charaktere ist in meinen Augen eine einzige Katastrophe. Jack ist immer noch derjenige, der alle retten will, nicht loslassen kann. Noch dazu zeigt er eine arrogante, unüberlegte Handlungsweise, die ihn am Ende in die Gefangenschaft der Others führt. Mit Locke geht eine sehr seltsame Wandlung einher, aus dem weisen Mann, der mit philosophischen Ratschlägen seinen Mitabgestürzten hilft, wird eine weinerliche, schwache Memme, der sich immer wieder von Jack unterkriegen lässt und am Ende seinen ganzen Glauben in die Insel verliert. So wirklich nachvollziehbar wird diese Entwicklung nicht. 
Genauso desaströs ist Charlies Entwicklung. Unbeholfen und grausam schlecht geschrieben wird ein Heroinrückfall in seine Story geworfen, der in der schlechtesten Folge von Lost einen ärgerlichen Höhepunkt findet. Genauso wird Sawyers Entwicklung zu einem etwas umgänglicheren Menschen plötzlich wieder über den Haufen geworfen mit seinem Waffenklaubetrug.
Andere Charaktere bleiben einfach wie sie sind und wirken daher langweilig, als Beispiel seien hier Kate oder Claire genannt.

3. Übermystifizierung: Keine andere Staffel schafft es soviele Fragen aufzuwerfen und gleichzeitig nicht zu beantworten. Das ist der Grund, weshalb ich allein über die Swan einen riesigen Post schreiben könnte. Mystische Dinge wirken in dieser Staffel im weiteren Verlauf übertrieben. Seien es die Others, die wie Geistermenschen in dreckiger Kleidung ohne Spuren zu hinterlassen durch den Dschungel schleichen, aber schon nächste Staffel reihenweise von den Losties niedergeschossen werden; oder die Dharma Initiative, die hier wie eine topgeführte, geheimnisvolle Organisation, in Staffel 5 sich aber als wahrhaft dilletantisch herausstellt. Dann gibt es noch die zahlreichen unbeantworteten Fragen, die relativ unspektakulär außerhalb der Serie geklärt wurden. Sei es, warum Libby in der Anstalt saß oder Radzinsky ein Stück vom Swan-Film herausschnitt.

4. Das Staffel-Finale: Wie schon an der Bewertung von "Live Together, Die Alone" deutlich wird, war ich von keinem anderen Staffelfinale mehr enttäuscht als von diesem. Die Nebenhandlungen mit den Others und dem Segelboot sind eines Finales nicht würdig. Die Swan-Handlung wird etwas zu plötzlich mit dem Fail-Safe-Key beendet, was wie ein nachträglicher Einfall der Autoren wirkt. Auch Desmonds Verhalten macht keinen Sinn, wenn man es mit dem Anfang der Staffel vergleicht. Es entsteht somit ein eigenartiger Bruch, noch in der Staffel, was nie ein gutes Zeichen ist. Noch dazu gibt es einen eigenartiger Cliffhanger und einen sehr unspektakulären Schluss.

5. Neue Charaktere: Von Ben und Desmond brauche ich hier nicht zu reden, die beiden sind der größte Pluspunkt der 2. Staffel. Doch es gibt noch die Tailies. Auch wenn es unfair ist, die Autoren wegen Verfehlungen von Schauspielern zu kritisieren, die Tailies wirken insgesamt ziemlich überflüssig. Bernard ist zwar ganz nett, aber bestenfalls ein gehobener Redshirt und so für die weitere Handlung nicht wirklich wichtig. Ana-Lucia ist äußerst unsympathisch und ihr Tod eine Erlösung. Libby wird durch ihr frühes Ableben leider ziemlich überflüssig und ihre Vergangenheit wird ein ewiges Mysterium bleiben. Eko, der beste der neuen, stirbt leider viel zu schnell in der neuen Staffel, wodurch auch er nicht wirklich wichtig wirkt.

Insgesamt wäre es für die Staffel besser gewesen, wenn sie nicht 24 Folgen lang gewesen wäre, sondern nur 16 oder 17. Viele unnötige Füllfolgen hätten somit weggelassen werden können und die Konzentration auf das Wesentlich wäre da gewesen.