Donnerstag, 24. November 2016

Watership Down Kapitel 5: Into the Woods

Das Eingangszitat ist hier direkt aus dem Werk von Lockley übernommen auf dessen Erkenntnissen Adams sein ganzes Werk aufgebaut hat. Hier wird eine Erklärung gesucht oder angedeutet warum junge Kaninchen einen Bau verlassen und oft Meilen umherziehen, ehe sie sich in einer passenden Umgebung niederlassen. Im Prinzip ist das nicht nur ein Zitat für das folgende Kapitel, sondern für den gesamten ersten Teil der Erzählung. Jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer mit dem Verlassen von Sandleford Warren und Adams versucht mithilfe seiner Hauptquelle wissenschaftlich zu erklären warum die Kaninchen manchmal ihre Gehege verlassen.
Noch kurz zu Lockley und seine Beziehung zu Adams: Lockley war ein sehr anerkannter Ornithologist und Naturforscher, welcher nicht nur ein Werk über Kaninchen, sondern zahlreiche andere naturwissenschaftliche Monografien herausgebracht hat. Zusammen mit Adams hat er eine Antarktis-Reise unternommen. Darüber hat Adams auch ein Buch geschrieben: Voyage Through the Antarctic.

Hier beginnt jetzt in gewisser Weise Watership Down zum Abenteuerroman zu werden. Es ist ähnlich wie das Kapitel mit den Trollen im Hobbit. Nach einer Einleitung beginnt jetzt für die Helden das große Abenteuer, der Aufbruch in das Unbekannte. Adams begibt sich dazu wieder in die Perspektive des Wissenschaftlers und erklärt uns ausführlich warum Kaninchen Probleme mit Wäldern und unbekannten Umgebungen im Allgemeinen haben. Die Angst und ihre Befürchtungen vor dem Unbekannten werden hier sehr gut dargestellt, besonders da sie einem Menschen unbegreiflich wären (wobei ein Wald im Dunkeln auch beim Menschen Urängste weckt).
Deutlich wird das schon als Hazel erkennt, dass sie nach einer halben Meile bereits weiter vom Gehege entfernt sind als jedes Kaninchen mit dem er je gesprochen hat. Das zeigt auch gut wie weit der Radius eines einzelnen Kaninchens reicht und das es für Hazels Gruppe wirklich ein Aufbruch in das Unbekannte ist. Zunächst jedoch müssen sie die Owsla anhängen, den Hazel spürt, dass diese ihnen auf den Spuren ist. Auch damit hängt seine Entscheidung zusammen dem Bach weiter in das für Kaninchen so unkomfortable Waldland zu gehen. Wieder erleben wir wie Hazel als Anführer agiert und die Risiken eines solchen Schrittes komplett auf sich nimmt, denn er berät wieder nicht mit Bigwig.
Hazel jedenfalls ist der Hoffnung, wenn der Bach so weiterverläuft werden sie einen Ort finden, wo sich die meisten von ihnen, besonders Fiver und Pipkin, ausruhen können. Auch das zeichnet Hazel aus, er denkt direkt an die Schwächsten in seiner Gruppe.

Schließlich folgt eine nähere Erklärung warum die Wälder von Kaninchen gemieden werden. Überall sind unbekannte Geräusche und Gerüche, was Kaninchen dazu bringt sich beständig in Anspannung zu finden und wegzulaufen. Das Problem ist nur wohin, denn wenn Kaninchen fliehen, fliehen sie normalerweise in ein Erdloch.
Hazel kommt letztendlich an eine Stelle, wo er ein Risiko eingehen muss. Hazel entdeckt eine Biegung, die mit Farnen bedeckt ist und unter eine Eichel steht, ohne aber zu wissen was sich dahinter befindet. Dazu muss er aber seine Deckung verlassen und sich möglichen Feinden offenbaren. Hazel geht das Risiko ein, instruiert jedoch Dandelion (nicht Bigwig!) ihm erst zu folgen, wenn er mit den Pfoten stampft. Hazel kommt sicher an und bemerkt, dass die Stelle sicher ist. Dandelion ist blitzschnell bei ihm, womit wir den ersten Beweis sehen von Dandelions Schnelligkeit.
Dieser ist beeindruckt das Hazel die Risiken auf sich genommen hat und vergleicht ihn mit El-ahrairah. 

Von Adams selbst bekommen wir jetzt einen guten Eindruck wer El-ahrairah ist, abgeleitet von Elil-Hrair-Rah "der Prinz mit den tausend Feinden." Für die Kaninchen ist er das was Robin Hood für die Engländer ist oder John Henry für die Afroamerikaner (John Henry soll ein Zwangsarbeiter im Eisenbahnbau gewesen sein, der für das in das Fels treiben von Sprenglöchern zuständig war. Als eines Tages Bohrer die Arbeiten erledigen sollte, erbot sich im Wettkampf mit diesen anzutreten, gewann aber starb dann danach.). Die Erwähnungen von Onkel Remus und Brer Rabbit beziehen sich auf einen sehr kontroversen Disney-Film von 1946 Song of the South.
Adams wendet hier ein interessantes Konzept an, er vermischt seine Kaninchenmythologie mit der realen Welt und stellt El-ahrairah sogar über Helden, die ähnlich trickreich handeln müssen wie er. In gewisser Weise ist El-ahrairah das perfekte Vorbild für ein Kaninchen, es ist kein religiöser Führer oder Prophet, welcher Glaubensgrundsätze und Dogmen lehrt wie sich ein Kaninchen rechtmäßig zu verhalten hat, sondern seine Abenteuer sind Leitgrundsätze dafür wie Kaninchen in der Welt überleben. Dies kann nur durch List und Schlauheit geschehen was gleich die erste hier dargestellte Geschichte von El-ahrairah zeigt, die mit dem Hecht: er lenkt den Hecht solange mit einem Tonhasen ab, bis dieser denkt Kaninchen würden nicht schmecken und überquert erst dann den Fluss. Wir werden noch viele Geschichten von El-ahrairah hier zu lesen bekommen. Sie handeln eigentlich immer von zwei Dingen: wie die Kaninchen mit ihren Feinden zurechtkommen und wie sie an Futter kommen. Zwei der wichtigsten Grundbedürfnisse eines Kaninchens. Das geht so weit, dass El-ahrairah übernatürliche Kräfte nachgesagt werden wie das Wetter kontrollieren zu können, denn wir lernen das gerade Feuchtigkeit und Tauwetter natürliche Verbündete der Kaninchen sind.

Bigwig kommt schließlich zu Hazel und schlägt ihm vor hier Rast zu machen, da Fiver und Pipkin erschöpft sind. Hier sehen wir das erste Mal die positive Seite von Bigwig. Er äußert seine Besorgnis bezüglich Fiver und Pipkin und will sie nicht zurücklassen, sondern wegen ihnen sogar in einer für Kaninchen unnatürlichen Gegend Rast machen. Auffallend ist auch, dass sich Bigwig direkt an Hazel wendet und nicht selbst den Befehl gibt. Auch Bigwig erkennt Hazels Anführerschaft so langsam an.
Tatsächlich sind sie alle in einem schlechten Zustand was wieder durch den Wissenschaftler erklärt wird, dass Kaninchen normalerweise nur zwei Arten der Fortbewegung kennen: langsames Umherhoppeln und blitzschnelles Indeckunggehen.
Alles was Hazels Gruppe diese Nacht bisher getan hatte war unnatürlich für sie: in einer Gruppe umherreisen, eine Gangart zwischen Hoppeln und Rennen einschlagen. Der Wald hat sie noch dazu in eine Ängstlichkeit versetzt, sodass viele von ihnen deshalb fast in einem Zustand sind, welchen die Kaninchen als tharn bezeichnen, eine Angststarre bei der sie ohne zu Fliehen sich von Fressfeinden schnappen lassen.
Besonders übel ist Pipkin dran, denn er scheint sich eine Pfote verletzt zu haben und humpelt nur. Hazel weiß, dass das Ausruhen allein nicht ausreicht, denn in diesem Zustand würden sie sich kaum erholen. Sie wissen, dass sie nicht in den Untergrund gehen können, wo sie Futter herkriegen und das würde sie bald so in Furcht versetzen, sodass sie sich in alle Winde verstreuen. Hazel trifft daher eine Entscheidung und bitter Dandelion darum eine Geschichte von El-ahrairah zu erzählen, um ihre Furcht zu zerstreuen. Hier sehen wir eine weitere wichtige Komponente des El-ahrairah-Mythos: Er ermutigt die Kaninchen in schlimmen Zeiten, ähnlich wie auch die Religionen für viele Menschen.
Und es ist die perfekte Gelegenheit um den Leser eine der wichtigsten Bausteine der Kaninchenmythologie nahezubringen. Näher dazu im nächsten Kapitel.

Mittwoch, 23. November 2016

Watership Down Kapitel 4: The Departure

Eingeleitet wird dieses Kapitel mit einem Zitat aus einem der bekanntesten  Dramen von Shakespeare: Hamlet. Es betrifft den jungen König Fortinbras von Norwegen, welcher hier als kampfunerfahren dargestellt wird, jedoch den Tod seines Vaters rächen will, in dem er eine Gruppe gesetzloser Abenteurer zusammenstellt, um gegen Dänemark zu ziehen. In einer ähnlichen Position findet sich auch Hazel wieder, auch wenn das Politische außen vorgelassen werden kann. Hazel sammelt auch wagemutige und unerfahrene Abenteurer für eine ungewisse Expedition.

In gewisser Weise werden in diesem Kapitel die wichtigsten Protagonisten alle eingeführt. Es kommen zwar später noch einige dazu, aber die Kerngruppe auf die es ankommt steht. Zuvor jedoch erleben wir wieder den Wissenschaftler, welcher über das Zeitgefühl der Tiere (und auch der Kaninchen referiert). So hätten sie keinen wirklichen Sinn für Pünktlichkeit (im übrigen laut dem Autor wäre das primitiven Leuten ähnlich), wüssten aber aufgrund einer inneren Telepathie wann es Zeit zum Aufbruch ist. Verglichen wird das mit dem Vogelflug in den Süden, wobei die Vögel sich zuerst sammeln, zaghaft in kleineren Gruppen umherfliegen und sich schließlich in einem riesigen Schwarm Richtung Süden bewegen. Laut Adams liegt das daran, dass sie sich eher als Teil einer Gruppe denn als Individuen verstehen.
Adams vergleicht das noch mit einem historischen Beispiel: dem Ersten Kreuzzug nach Antiochia. Eine Passage, die von Christen mit Sicherheit sehr kritisch gesehen werden kann, denn sie stellt den Kreuzzug als einen Akt von primitiver Intuition dar, welcher nur dem Gruppenzwang folgt und keinen eigenen Gedanken bezüglich eines solchen Unternehmens verschwendet. Geschickt verpackt ist hier eine Religionskritik von Adams.
Unterstrichen wird das noch durch das Beispiel mit den Lemmingen, welche auch durch einen Gruppenzwang in das Meer getrieben werden. Jedoch handelt es sich hierbei um einen Mythos, welcher besonders durch Disney gefördert wurde und durch wissenschaftliche Untersuchungen längst wiederlegt wurde. Zwar unternehmen Lemminge bei großem Artendruck lange Wanderungen, jedoch ohne dabei Massensuizid zu begehen. Es sterben einige von ihnen bei einer solchen Wanderung, was jedoch durchaus verständlich ist und eher auf Nahrungsmangel zurückgeführt werden kann. Die Szenen aus dem Film von Disney wurden im übrigen so konstruiert. Viele Lemminge wurden an diese Klippe gebracht und durch einen Truck praktisch dazu gezwungen von der Klippe zu springen, um so spektakulärere Aufnahmen zu haben. Als Watership Down erschienen ist war dieser Mythos möglicherweise noch nicht wiederlegt worden, weshalb Adams hier die Lemminge als Beispiele verwendet.

Die Kaninchen finden sich wirklich nach Monduntergang zusammen. Das erste neue Mitglied welches wir dabei kennenlernen ist Pipkin oder Hlao, der beste Freund von Fiver, welcher ähnlich wie er ein "runt" ist. Interessant ist die Namenserklärung von Hlao, was eine Mulde bezeichnet, wo sich Tau ablagert. Eine sehr abstrakte Form der Namensgebung, für mich nur auf die Größe Pipkins zurückzuführen. Bei "pipkin" selbst bietet mir das Wörterbuch "kleiner Tonkrug" an, wohl kaum eine Bezeichnung, die ein Kaninchen verwenden würde. 
Pipkin ist jedenfalls ähnlich ängstlich wie Fiver und hat große Angst davor mitzugehen. Seine Zusage erfolgte eher zögerlich und erst als er entschieden hat sich immer dicht an Hazel und die anderen zu halten. So gesehen wäre Pipkin unmöglich in Frage gekommen, wenn er nicht ein Freund von Fiver gewesen wäre.
Ein weiteres Kaninchen welches sich ihnen anschließt ist Hawkbit. Er hat eine kurze gemeinsame Geschichte mit Hazel. Beide haben sich während des letzten Winters für fünf Tage einen Bau geteilt. Hazel schätzt Hawkbit eher als langsam und dumm ein und empfand auch seine Gesellschaft als auch eher nervend. Hazel weiß jedoch, dass persönliche Vorbehalte ihn nicht beeinflussen sollten, da womöglich alle Kaninchen, die sie überzeugen können Outskirter sein werden - außer natürlich die von Bigwig. Obwohl Hazel hier abwertend über ein Mitglied seiner neu entstehenden Gruppe denkt, zeigt es dennoch schon seine Stärke als Anführer, er lässt sich von persönlichen Vorbehalten nicht beeinflussen. Im übrigen ist ein "hawkbit" eine Löwenzahnart.
Mit Dandelion, dem stillen Teilnehmer der letzten Gruppe, kommt das nächste Mitglied hinzu. Er berichtet, dass er nur Hawkbit rekrutieren konnte, weil ihn Toadflax erwischte und nicht glauben wollte, dass er nur Kaninchen sucht, die den Bau verlassen. Toadflax vermutet eine Verschwörung gegen den Threarah. Aus dem Grund hat Dandelion kein weiteres Kaninchen gefragt. Hazel beteuert ihm jedoch, richtig gehandelt zu haben. Es ist interessant zu sehen, wie Toadflax als Fiesling und kleinere Bedrohung ihres Unternehmens dargestellt wird. Er repräsentiert all das was Hazel an der Owsla ablehnt.
Als Nächstes kommt Blackberry und er hat mehr Erfolg als Dandelion und gleich drei Kaninchen im Schlepptau. Eines Buckthorn (Kreuzdorn) haben wir bereits schon im ersten Kapitel kennengelernt. Er ist ein vielversprechendes Kaninchen, welches mit Sicherheit der Owsla beigetreten wäre, wenn es das entsprechende Gewicht bekommen hätte. Jedoch hat Hazel in Gedanken auch Bedenken: er kennt Buckthorn als ungeduldig und würde er bei einem Kampf um ein Weibchen den Kürzeren ziehen, würde er das sehr übel aufnehmen. Für die Gefahren, die vor ihnen liegen, ist Buckthorn jedoch wie Bigwig von großem Vorteil.
Die beiden anderen Mitglieder sind Acorn (Eichel) und Speedwell (bezieht sich womöglich auf die Pflanze Gamander-Ehrenpreis), zwei Halbjährige, die vermutlich ähnlich wie Blackberry aus Frustration darüber mitgehen, dass sie aufgrund ihrer Größe eher wenige Vorteile in Sandleford genießen. Letztere drei eint ein trauriges Schicksal: Sie werden in keine der beiden Watership-Down-Adaptionen dabei sein.

Zumindest Speedwell und Acorn hätten Fiver in seinem früheren Zustand erwartet, sodass er unaufhörlich von Tod und Verderben spricht. Jedoch hat der Entschluss zum Aufbruch Fiver wieder beruhigt und eine Last von ihm genommen. Ein interessanter Aspekt.
Später kommt auch noch Bigwig hinzu mit einem ganz besonderen Kaninchen: Silver. Ein junges Mitglied der Owsla, welcher ein Neffe des Threarah ist und besonders durch seine Fellfarbe hervorsticht. Bereits an früherer Stelle ging hervor, dass Kaninchen mit edler Abstammung bevorzugt werden. Im Falle von Silver hat sich das jedoch ins Gegenteil verkehrt. Auch er ist unzufrieden mit seiner Situation in der Owsla, denn er wird von den anderen drangsaliert, welche behaupten er hätte seine Stellung nur aufgrund seiner Abstammung bekommen. Hazel hat bezüglich Bigwig und auch Silver eine zwiespältige Meinung, zum einen ist er froh, denn Owsla-Mitglieder werden für die Gruppe bei Gefahren besonders hilfreich sein, zum anderen befürchtet er sie würden die Schwächeren wie Pipkin oder Fiver solange drangsalieren bis diese die Gruppe verlassen würden. Hazel will genau das um jeden Preis vermeiden. Das bringt ihn wieder in einen Zwiespalt, denn zum einen will er jedes Kaninchen vor der drohenden Gefahr schützen, zum anderen möchte er keine Kaninchen wie Toadflax in seiner Gruppe haben. Letzterer symbolisiert für ihn alles, was er an der Owsla und ihrem System nicht mag.
Bigwig ist jedoch zufrieden mit seiner Wahl, auch wenn er gerne noch mehr gehabt hätte, doch diese sind mit ihrer jetzigen Position zufrieden. Er selbst kommt bei der kleinen Anzahl der Gruppe ins Zweifeln, ob der Exodus überhaupt eine gute Idee ist. Durchaus verständlich, denn immerhin setzen sich hier nur zehn Kaninchen den Gefahren aus, die in der freien Natur außerhalb ihres Geheges drohen.

Im nächsten Moment erreicht sie jedoch die Owsla unter der Führung von Captain Holly und zwei weiteren Kaninchen. Wir erleben das was Hazel vorhergesehen hat: Bigwig wird Ärger bekommen, weil er aus der Owsla desertiert ist sowie Silver, Hazel und die anderen jedoch nicht. Mit der Begründung Unruhe und Aufruhr zu stiften wird Bigwig unter Arrest gestellt, Silver weil er seine Pflichten als Mitglied der Owsla verletzt hat. Jedoch ist Bigwig nicht bereit sich zu fügen und greift Holly direkt an, ein Beweis seiner Impulsivität. Als die anderen beiden Mitglieder Holly helfen wollen, greifen Buckthorn und Dandelion in den Kampf ein und jagen diese beiden Kaninchen relativ schnell in die Flucht. Interessant, dass ihnen das gelingt, wo sie doch zwei Mitgliedern der Owsla gegenüberstanden. Das unterstreicht schön den Willen von Hazels Gruppe um jeden Preis aufzubrechen.
Schließlich greift Hazel ein und hier erleben wir ihn das erste Mal wirklich als Anführer. Er droht Holly ihn zu töten, wenn er nicht verschwindet. Holly ist zunächst verblüfft und versucht Hazel klarzumachen was das zu bedeuten hat (vermutlich den Tod Hazels und seiner Gruppe), doch  Hazel bleibt bei seiner Entscheidung und Holly muss verschwinden. Hier hat sich womöglich Hazels ganzer angestauter Hass gegen die Owsla und ihre Drangsalierung entladen. Im Gegensatz zu Bigwig hat Hazel jedoch nicht impulsiv gehandelt, sondern entschlossen und direkt eine Drohung ausgestoßen. Natürlich ist sich Hazel auch der Konsequenzen bewusst, welche Dandelion ihm nennt: Die Owsla wird jetzt hinter ihnen her sein. Das bestärkt Fiver jetzt sofort aufzubrechen und womöglich war das auch in Hazels Interesse. Jetzt haben sie keine Wahl mehr zu bleiben. Sie sind eine Gruppe Gesetzloser, welcher der Tod oder Gefangenschaft erwartet, wenn sie geschnappt werden. 
Und wieder übernimmt Hazel sofort die Rolle als Anführer und gibt Anweisungen in welche Richtung sie laufen sollen. Bigwig versucht ihm einen Ratschlag zu geben, doch Hazel unterbricht ihm, dass es dringlich ist, dass sie jetzt sofort aufbrechen. Das Interessante ist, Bigwig fügt sich und zusammen mit Fiver an der Spitze führt er die Gruppe aus Sandleford Warren weg. Hazel hat damit seinen ersten kleineren Sieg errungen, wenn es darum geht wer die Gruppe anführt.

Zum Abschluss noch ein kleines Wort zu einer Sache die vielleicht erst einmal nicht auffällt, aber in der zweiten Hälfte des Buches zum großen Problem wird: Es sind keine Weibchen dabei. Dafür hat Watership Down und besonders Richard Adams große Kritik seitens von Feministen abbekommen, weil den Weibchen eher eine untergeordnete Rolle im ganzen Roman einnehmen. Dazu komme ich später näher. Jedoch aus dieser Sicht ergibt die Entscheidung Adams hier nur Böcke losziehen zu lassen durchaus Sinn auch ohne Handlungsrelevanz. Bekanntermaßen kämpfen Kaninchen um die Gunst der Weibchen. Die hier zusammengestellte Gruppe besteht jedoch bis auf Bigwig und Silver nur aus Outskirters, welche wohl kaum die Chance haben sich den Weibchen auch nur zu nähern geschweige sie denn zu überzeugen. Aus menschlicher Sicht wäre das natürlich sexistisch, wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass Adams über Kaninchen schreibt und deren Verhalten gegenüber Weibchen völlig von dem menschlichen Abbild. Und ich bin in der Hinsicht ehrlich: Mir ist absolut schleierhaft und ehrlich gesagt ein Gräuel wie man Feminismustheorien in einem Kaninchenroman zur Anwendung bringen kann und dabei einen Autor als frauenfeindlich denunziert. Doch wie gesagt dazu später mehr.

Dienstag, 22. November 2016

Watership Down Kapitel 3: Hazel's Decision

Das Eingangszitat ist aus einem Werk, welches mir sehr bekannt ist. Immerhin habe ich damit mein Graecum bestanden. Die anabasis von Xenophon, welches hauptsächlich den Bericht eines griechischen Generals und einer Söldnerschar beinhaltet, welche in einen Konflikt um den persischen Thron hineingezogen werden und dann aus dem unbekannten Land wieder heimkehren müssen.
Ich kann zwar das Zitat hier jetzt keiner bestimmten Stelle zuordnen, der Grund warum es diesem Kapitel voransteht ist jedoch offensichtlich. Es erklärt die Motivation der beiden Kaninchen, welche sich bereit erklären mit Fiver mitzugehen - und es ist nicht unbedingt wegen der Gefahr die Fiver voraussieht.

Ein Tag ist mittlerweile vergangen und es wieder Abend. Jetzt lernen wir Blackberry näherkennen, das Kaninchen welches bereits im ersten Kapitel einen kurzen Auftritt hatte. Hier wird bereits eine der wichtigsten Eigenschaften Blackberrys angedeutet - seine Fähigkeiten für Kaninchen unbekannte Dinge zu verstehen. Tatsächlich hat er mit seiner Deutung der Anschlagtafel als Zeichen und Botschaft Recht. Das andere anwesende Kaninchen ist Dandelion, welcher jedoch für das ganze Kapitel kein Wort äußert. Letzterer hat jedoch noch einmal versucht den Threarah zu überzeugen.
Hazel selbst hat eigentlich von Anfang an nicht wirklich damit gerechnet den Threarah überreden zu können, doch für ihn zählt allein der Versuch das Beste getan zu haben um alle zu retten. Es wird deutlich, dass Hazel fest an Fiver glaubt.
Dann werden sie von einem weiteren Besucher überrascht. Bigwig hat erklärt, dass er aus der Owsla ausgetreten ist und auch das Gehege verlassen will. Den Ärger mit dem Threarah hat er nicht wirklich wegstecken können. Wir erfahren auch, dass Bigwig anders ist als der Threarah und eher zu impulsiven Entscheidungen neigt wie dieser. Tatsächlich ist er selbst unzufrieden mit seinem Owsla-Dasein. Salat-Stehlen und Baue bewachen ist nicht das was er sich vorstellt. Er selbst behauptet zwar von Fiver überzeugt worden zu sein, doch es wird deutlich, dass sein Entschluss das Gehege zu verlassen der ist, weil er nicht mit der Autorität des Threarah klarkommt.

Schließlich eröffnet Hazel seinen Entschluss, dass er und Fiver das Gehege noch diese Nacht verlassen werden und jeden mitnehmen, der mitkommen will. Bigwig willigt sofort ein, was Hazel überrascht. Denn zum einen ist ein starkes Kaninchen wie Bigwig von großer Hilfe bei den Gefahren, die vor ihnen liegen, zum anderen fürchtet Hazel, dass mit Bigwig schwierig umzugehen sein wird. In Gedanken trifft er den Entschluss, nicht Bigwig alle Entscheidungen zu überlassen. Hier haben wir den ersten Hinweis auf einen Anführer-Konflikt, welcher noch die ein oder andere Wendung in der Geschichte nehmen wird.
Blackberry willigt schließlich ein, obwohl sein Grund auch nicht Fivers Vision ist, sondern die allgemein große Anzahl an Böcken in dem Gehege, was es unmöglich macht Spaß am Leben zu haben, wenn man nicht in der Owsla ist. Dennoch fürchtet er sich vor den Gefahren, welche das unbekannte Land mit sich bringt.
Bigwig entscheidet sich noch weitere Kaninchen aus der Owsla mitzubringen und beteuert von Fiver überzeugt sein und wundert sich, dass es der Threarah nicht war. Hazel meint dazu, der Threarah würde nichts mögen, was er nicht sich selbst überlegt hätte, was wieder zu dem zu alt gewordenen Staatsmann passt, welcher keinen Rat der Jungen annimmt, weil nur er glaubt alles besser zu wissen.
Als Aufbruchszeit nennt Hazel fu Inlé, wieder ein Lapine-Ausdruck. Bereits im Vorkapitel fiel der Begriff ni Frith. Hier ist eine gute Stelle um anzubringen, dass Frith die Sonne bedeutet und Inle der Mond. Beide haben jedoch darüber hinaus für die Kaninchen noch eine viel größere Bedeutung, was in einem der späteren Kapitel deutlich wird.
Zumindest zu dem Zeitpunkt möchten sie das Gehege verlassen haben, da die Gefahr immer drückender wird. Er rät jedoch Bigwig zur Vorsicht bei der Auswahl der Kaninchen, denn der Threarah wird es kaum mögen, dass er Mitglieder der Owsla zur Desertation ermutigt. Bei den Outskirters wie Hazel ist das egal. Wir hören dabei das erste Mal von einem weiteren Vorgesetzten von Bigwig, einem Captain Holly. Tatsächlich ist die Owsla hierarchisch angeordnet, wobei Captain (oder Hauptmann) eine der höchsten Positionen ist, nur knapp unter dem Oberkaninchen. Und mit der Warnung Hazels mit wem Bigwig reden soll, endet auch das Kapitel.

Nur noch eine kurze Anmerkung zur Anführerschaft: Wir erleben bereits hier Hazel als Anführer. Obwohl Fiver die Vision hat, trifft Hazel letztlich die Entscheidung das Gehege zu verlassen. Er bekommt dabei schon zwei Anhänger dazu. Seinen Freund Blackberry und mit Bigwig tatsächlich einen Owsla-Offizier. Ohne es vielleicht zu bemerken agiert Hazel ihn gegenüber schon als Anführer. Er sagt wann sie aufbrechen und gibt Bigwig den Rat vorsichtig zu sein bei der Auswahl der Kaninchen aus der Owsla. Und Bigwig erhebt keinerlei Einwände. Hazel wird bereits durch diese kleine Koordination ihrer Flucht zum Anführer.

Watership Down Kapitel 2: The Chief Rabbit

Noch ein kurzer Nachtrag zum letzten Kapitel: Leider hat die Realität mittlerweile das Werk eingeholt. In Sandleford Warren soll tatsächlich jetzt ein neuer Baugrund für 2000 Häuser entstehen. Richard Adams selbst hat dagegen jahrelang gekämpft, doch offensichtlich konnte der den Rat von Berkshire nicht umstimmen. Es ist schade zu sehen, dass selbst eine so bekannt gewordene Gegend, welche gerade durch den Film auch einige verstörende Szenen aufweist, nicht vor der Zerstörung des Menschen bewahrt werden kann.

Nun aber zurück zum Kapitel, welches den Titel "The Chief Rabbit" trägt und mit einem Zitat aus dem Buch The World von Henry Vaughan beginnt. Bei Vaughan handelt es sich um einen walisischen Autor und Dichter aus dem 17. Jahrhundert, hauptsächlich bekannt durch religiöse Texte. Wenn ich auch das Zitat jetzt nicht genau in einen Kontext einordnen kann, so reflektiert es doch den Inhalt dieses Kapitels recht gut. Es geht um einen Staatsmann, welcher zwar früher fähig war, jetzt aber sehr alt geworden ist.

Fiver hat seine schrecklichen Visionen noch längst nicht verarbeitet und hat einen fürchterlichen Albtraum durch welchen er Hazel weckt. Dieser Traum ist prophetisch und nimmt viele Ereignisse aus dem Buch vornweg, wobei die Zerstörung des Geheges noch nicht einmal enthalten ist. Bei passender Gelegenheit werde ich auf den Traum zurückkommen, denn er ist sehr interessant und wichtig für die weitere Handlung.
Im Jetzt beharrt Fiver jedenfalls darauf das Gehege zu verlassen, denn die Gefahr hat sich nicht verzogen und alle werden sterben, wenn sie noch länger bleiben. Hazel ist schließlich bereit dem nachzugeben und das Oberkaninchen aufzusuchen, um es von dem Vorschlag zu überzeugen, obwohl Hazel glaubt, dass es vergebens ist.

Auf dem Weg dahin treffen sie vor dem Bau des Oberkaninchens Thlayli oder Bigwig, wie er bei den Menschen heißen würde. Hier ist auch die dritte Art der Namensgebung bei den Kaninchen vorhanden: Eine Besonderheit des Fells - Bigwig hat ein großes Büschel auf dem Kopf. Adams gibt uns auch gleich den Lapine-Namen Thlayli, hält ihn jedoch womöglich als zu kompliziert zum Aussprechen, weshalb nahezu ausschließlich für den Rest des Romans dieses Kaninchen als Bigwig bezeichnet wird. Seltsamerweise wird uns der Lapine-Name von Hazel und einem Großteil der anderen Gruppe nicht genannt.
Bigwig ist eine der weiteren wichtigen Hauptkaninchen, hier ist er jedoch erst einmal nur das Sprachrohr zum Oberkaninchen. Er scheint Hazel in gewisser Weise zu respektieren, zumindest mehr als Toadflax (der Owsla aus dem letzten Kapitel) und lässt somit Hazel vor trotz der ungewöhnlichen Uhrzeit und der Bitte Fiver mitnehmen zu können. Und auch auf die Gefahr eine Schelte vom Oberkaninchen zu kassieren.

Dann erfolgt eine Beschreibung des Threarah und eines der wichtigsten Themen von Watership Down wird angesprochen: Anführerschaft. Wir bekommen eine sehr detailreiche Beschreibung des Threarah (wie er genannt wird, wie sich herausstellt nach dem einzigen Ebereschenbaum in der Umgebung). So ist er nicht allein durch Stärke zum Anführer geworden, sondern auch durch Besonnenheit und ein gewisses, kühles Wesen. Wir lernen hierbei, dass Kaninchen oft impulsiv handeln, was ihm jedoch fehlt. Das wird anhand seiner Taten deutlich. Eine Myxomatose-Epidemie , welche den Bau vernichtet hätte, hat er dadurch überwunden, dass er alle kranken Kaninchen fortschickte und eine Massenauswanderung verbat. 
Myxomatose ist eine Kaninchenkrankheit, welche speziell zu dem Zweck gezüchtet wurde, um die Kaninchenpopulation besonders in Australien einzudämmen. Der Erreger hat sich jedoch über die ganze Welt ausgebreitet und so auch in Europa hohe Opfer unter den Tieren gefordert. Für die meisten Kaninchen verläuft die Krankheit tödlich. In Großbritannien trat die Krankheit das erste Mal 1953 auf. Somit würde der zeitliche Rahmen des Romans doch eher in die 1950er und 1960er fallen.
Ein anderes Mal ist der Threarah ein Hermelin dadurch losgeworden, dass er es vor die Flinte eines Bauern gelockt hat.
Es zeigen sich somit typische Eigenschaften, welches ein Oberkaninchen hat: Stärke, jedoch auch das Treffen richtiger Entscheidungen und eine gewisse Kühlheit und Distanziertheit bei der Wahl solcher. Jedoch braucht es auch Mut und List und muss gewisse Wagnisse eingehen. Gleichzeitig jedoch behandelt er seine Untertanen mit Höflichkeit und drangsaliert sie nicht. Sie dürfen sogar von dem Kopfsalat fressen, welcher eigentlich nur für die Owsla privilegiert ist.
Nur eine Schwäche hat der Threarah (und sie führt letztlich zu seinem Untergang): Er ist zu alt und so fest in seine Position gewachsen, sodass er die Warnung von Fiver nicht ernstnimmt. Auch wenn Hazel dem Threarah sehr deutlich macht, dass Fiver eigentlich immer mit seinen Vorahnungen richtig lag, kann Fiver ihn nicht überzeugen, dass das Gehege in Gefahr ist. Der Threarah sieht das ganze pragmatisch: Es ist perfektes Wetter, keine Feinde sind in der Nähe und es gibt auch keine Krankheiten. Der Threarah ist somit voll und ganz der rationale Staatsmann, welcher die spirituelle Komponente ablehnt. Ein solcher Schritt braucht in seinen Augen lange Überlegungen, ehe er in die Tat umgesetzt werden kann, doch Fiver besteht darauf, dass keine Zeit ist. Danach hat Fiver einen Anfall und das ist der Punkt an dem der Threarah nicht mehr überzeugt werden kann. Obwohl er Hazel und Fiver höflich entlässt, steht sein Entschluss fest, auch wenn er gegenüber Hazel beteuert sich die Sache zu überlegen. Hier merken wir auch, dass das Alter doch das Gedächtnis des Threarah langsam getrübt hat, auch wenn beteuert wird, er könne noch klardenken. Bei ihrer Begrüßung glaubt er Hazel sei Walnut und auch am Ende spricht er ihn mit Walnut an. Völlig ändert sich sein Verhalten gegenüber Bigwig, den er dann tatsächlich, wie Bigwig es vorausgesehen hat, rundmacht.

Halten wir fest: Sandleford Warren wird von einem sehr fähigen Oberkaninchen angeführt, welches jedoch in die Jahre gekommen ist und aufgrund seines rationalen Pragmatismus das Spirituelle ablehnt. Obwohl sein Entschluss durchaus logisch und nachvollziehbar ist, wissen wir doch, dass es zu dem Untergang seines Geheges führt. So bleibt jetzt die Frage, was Hazel und Fiver machen, jetzt da sie keine Unterstützung von oberster Stelle erhalten.

Montag, 21. November 2016

Watership Down Kapitel 1: The Notice Board

Jedes Kapitel von Watership Down beginnt mit einem Zitat aus einem bekannten Werk, welches sich auf den Inhalt des Kapitels bezieht. Hier ist es ein kurzer Auszug aus dem Drama Agamemnon von Aischylos. Hierbei geht es um die Seherin Kassandra, welche ein schreckliches Unheil voraussieht - "The House reeks of death and dripping blood" jedoch vom Chor missverstanden wird.
Kassandra war in der griechischen Mythologie eine Seherin, die großes Unheil voraussehen konnte, jedoch von den Göttern so verflucht war, sodass niemand ihre Vorhersagen ernst nahm. Und tatsächlich begegnen wir hier mit einem Fiver einer "Kassandra" und haben noch vor dem ersten Satz eine direkte Verbindung zwischen Watership Down und der griechischen Mythologie. Biblische und mythologische Themen aus bekannten Sagen, Fabeln und Geschichten werden noch sehr oft auftauchen, wie sich zeigen wird.

"The primroses were over."
Große Klassiker und Romane definieren sich oft schon durch ihren ersten Satz und erlangen so eine bestimmte Bekanntheit. Der erste Satz sollte bereits den Leser in den Bann ziehen, nicht zu banal sein, auch nicht zu übertrieben, sondern eine gewisse Neugier wecken. So ist es auch hier. Diese einfache Phrase hier wirkt zunächst banal, und seine Bedeutung wird erst mit dem Schluss des Buches deutlich. So gesehen bleibt hier nur eine vage Symbolik übrig. Es bezeichnet den Ende eines gewissen Abschnittes und Vergängliches. Selbst das Sterben ist hier in gewisser Weise schon mitenthalten, wenn wir den weiteren Abschnitt genauer betrachten. Jedoch genug zum ersten Satz.

Adams verzichtet größtenteils auf eine klassische POV-Sicht und nimmt die Rolle eines allumfassenden Erzählers ein. So wir die idyllische Landschaft an einem Maiabend nicht aus Sicht der Kaninchen erzählt, sondern wie wir Menschen eine solche Gegend betrachten würden. Wir werden nicht direkt mit der Kaninchenperspektive konfrontiert, sondern wie ein Naturwissenschaftler führt uns Adams an die Protagonisten heran. So wird die Hauptfigur Hazel als ein Outskirter beschrieben - ein einjähriges Kaninchen, welches noch an Gewicht zulegt und aufgrund seiner Größe und Stärke am Rande des Baus lebt. Schnell wird deutlich, dass in einem Kaninchenbau Rangordnungen nach Größe und Stärke bestehen und schwächere Kaninchen ausgegrenzt werden. Ein weiteres Beispiel bekommen wir noch zu lesen, wenn Fiver die gefundenen Schlüsselblumen der Owsla überlassen muss.
Auch weiterhin bleibt Adams in der Perspektive des Wissenschaftlers, wenn das kleinere der beide Kaninchen hervorkommt und schließlich durch ein Gespräch zwischen zwei anderen Kaninchen sein ungewöhnlicher Name erklärt wird. In einer Fußnote merkt Adams an, dass Kaninchen nur bis vier zählen können. Ob das wirklich auf ernsthaften wissenschaftlichen Studien basiert, vermag ich nicht zu sagen, ich halte jedoch eine solche Annahme für höchst unwahrscheinlich, dass sie auf festen Fakten basiert. Adams beruft sich dabei auf ein Werk von Ronald Lockley The Private Life of the Rabbit. Jener Lockley hat das Verhalten von Kaninchen intensiv studiert, unter anderem auch ihr Zusammenleben in den unterirdischen Bauen, welches für den Menschen nicht so einfach einzusehen ist. Lockley gelang das mittels Glasscheiben. Somit basieren Adams' Überlegungen auf durchaus fundierten wissenschaftlichen Aussagen, doch auch wenn die Kaninchen in dem Roman immer Kaninchen bleiben, so ist eine gewisse Vermenschlichung doch nicht ganz zu vermeiden. 
Um zurück auf das Zählen zu kommen: es ergibt Sinn, da Kaninchen genau vier Pfoten haben. Alles darüber hinaus geben sie als Hrair an, was eine Menge bedeutet. Hier haben wir auch den ersten Beleg für die Kaninchensprache, welche Adams nur in Teilen verwendet. Es wird sehr deutlich, dass sich die Kaninchen nicht in Englisch unterhalten, sondern in Lapine. Der Einfachheit halber verwendet Adams natürlich trotzdem größtenteils Englisch und nur einige signifikante Begriffe werden in Lapine geschrieben. Selbst Tolkien hat darauf verzichtet seine Werke allein in fiktiven Sprachen zu verfassen oder seine Protagonisten so reden zu lassen. In der einen Fußnote jedenfalls werden bereits zwei Begriffe erklärt. Das schon genannte Hrair und Elil, welches die Feinde der Kaninchen bezeichnet. Diese sind so zahlreich, sodass sie als U Hrair "Die Tausend" bezeichnet werden. Ähnlich wie im Griechischen das myrioi steht wohl auch hier das U Hrair nicht für die genaue Zahl Tausend, sondern ist ein Synonym für viele.
Fiver jedenfalls, das kleine junge Kaninchen, heißt Hrairoo "Kleines Tausend", ein Name, der sich nur daher leitet, weil er das fünfte Kaninchen im Wurf gewesen ist und mit Abstand das kleinste, wofür Adams den Begriff "runt" gebraucht, was im Deutschen einem zurückgebliebenen Jungtier entspricht. Dementsprechend ist Fiver sehr ängstlich und wird von den anderen Kaninchen eher belacht, was wir an dem Dialog zwischen Buckthorn und Blackberry erkennen können. Selbst vor Hummeln erschreckt er sich, welche für Kaninchen eigentlich harmlos sind.

Kurz zu den Namen der Kaninchen: Ein großer Teil von ihnen ist nach Pflanzen benannt. Der Protagonist Hazel, natürlich nach der Haselnuss. Wir lernen hier bereits Buckthorn kennen, was im Deutschen Kreuzdorn bedeutet und Blackberry, die Brombeere. Fiver ist hier eine der Ausnahmen, denn sein Name bezieht sich deutlich auf seine Herkunft als fünftgeborenes Junges. Andere Kaninchen werden später auch nach ihrem Fell benannt, wodurch einige Zungenbrecher herauskommen. Mit der Benennung nach Pflanzen wird womöglich ihre enge Verbindung zur Natur deutlich hervorgehoben, vermutlich weil sich Kaninchen überwiegend von diesen Pflanzen ernähren.

Hazel und Fiver entfernen sich von den meisten anderen Kaninchen, wodurch sehr deutlich wird, dass sie sich eher als Außenseiter der Gruppe definieren. Bei Fiver ist es jedoch noch etwas anderes, er spürt, dass irgendwas mit dem Bau am heutigen Abend seltsam ist. Hier wird somit Fivers seltsame Begabung bereits angedeutet, Visionen von der Zukunft zu haben, denn zuvor wurde der Abend als perfekte Idylle beschrieben ohne das irgendein Feind die Kaninchen bedroht.
Fiver deutet zuvor noch sein anderes Talent an, das Finden von Schlüsselblumen. Er wird jedoch sofort von zwei Kaninchen daran gehindert, die größer und stärker sind als Hazel und Fiver. Wir erfahren hier was eine Owsla ist und das Schlüsselblumen nur für Mitglieder dieser bestimmt sind. In einer Fußnote erfahren wir mehr über die Owsla, eine Art Kriegerkaste, welche jedoch vielfältige Aufgaben übernehmen kann: Nahrungsbeschaffung, Herstellung der Ordnung, Patrouillieren. In dem hiesigen Gehege - von welchem wir hier das erste Mal den Namen erfahren: Sandleford Warren - ist die Owsla eher militärisch. Ob es wirklich in Kaninchengehegen eine Art Kriegerkaste gibt, halte ich auch für eher unwahrscheinlich. Die Owsla gibt jedoch hier einen Beweis ab, dass in Sandleford Warren das Recht des Stärkeren gilt, die Owsla privilegiert ist und schwächere Kaninchen sich den Geboten der Owsla zu beugen haben, in diesem Fall in dem sie gutes Fressen abgeben müssen.
Es wird bereits deutlich, dass Hazel mit dem System unzufrieden ist und daran etwas ändern möchte, sobald er in der Owsla ist und Outskirters nicht schlecht behandeln wird. Hazel überlegt sogar dem Bau komplett Lebewohl zu sagen. Mit Hazel haben wir hier also schon einen gewissen Idealisten. Er verspricht sich um seinen kleineren Bruder zu kümmern, wenn er in der Owsla ist und die aktuellen Zustände zu verbessern. Für den Moment treibt es ihn un Fiver jedoch nur noch weiter weg von dem Gehege, sodass sie eine neue Entdeckung machen.

Ein Stück außerhalb des Geheges finden sie etwas Neues: eine Anschlagtafel, die in die Erde gelassen wurde. Ohne zu wissen, was auf dem Schild steht, wird seine Bedrohlichkeit bereits sehr gut angedeutet durch den langen Schatten, den es auf das Feld wirft und die Unbehaglichkeit, die es bei den beiden Kaninchen hervorruft. Dass die Tafel erst seit kurzem dort steht untermalt ein Hammer mit Nägeln und eine noch glimmende Zigarette. Als Fiver das bemerkt, verhält er sich plötzlich sehr seltsam und ist sich ganz sicher, dass etwas Furchtbares auf sie zukommen wird. Er sieht das Feld mit Blut bedeckt ("Oh, Hazel, look! The field! It's covered with blood!" und weiß, dass auch ihr Gehege davor nicht sicher sein wird. Hazel glaubt ihm zunächst nicht (wodurch der Bogen gespannt wird zu dem Eingangszitat) und denkt Fiver meint den Sonnenuntergang. Jedoch wird er selbst skeptisch, denn Fiver rennt nicht in die Deckung, obwohl das die logische Reaktion eines Kaninchen wäre, welches Gefahr wittert.
Schließlich kehren sie doch zum Gehege zurück, weil es schon dunkel wird, auch wenn Fiver nur widerwillig ihr Loch betreten will.

Obwohl die Kanichen erst einmal wieder verschwinden, lässt uns Adams dennoch bei dem Geschehen verweilen, betont noch einmal die Gefahr, welche von der Anschlagtafel ausgeht und enthüllt schließlich deren Inhalt: An der Stelle soll ein Baugelände für Wohnhäuser entstehen. In einer Kaninchenperspektive wären wir niemals in der Lage gewesen den Inhalt zu verstehen, für uns jedoch ergibt es perfekt Sinn, weshalb Fiver allen Grund hat so unbehaglich bei einer Anschlagtafel zu reagieren. Und hier wird auch der Umweltschützer Adams deutlich. Er hat uns zunächst diese perfekte Idylle beschrieben, einige Kaninchen bereits nähergebracht und deutet jetzt an, dass alles zerstört wird, weil der Mensch neues Bauland braucht. Eine sehr subtile Art, um zu zeigen wie sehr der Mensch die Natur zerstört.

Zum Abschluss noch kurz ein paar Worte zum Handlungsort. Watership Down und auch das hier genannte Sandleford Warren sind reale Orte in England und befinden sich in Hampshire, der Heimat von Richard Adams. Sandleford gehört dabei schon zu Berkshire, dem benachbarten Bezirk von Hampshire und ist eine sehr kleine Ortschaft (hamlet) südlich von Newbury, wo Adams auch geboren ist. Sutch & Martin ist selbstverständlich eine fiktive Firma, denn auch wenn die Lokalitäten alle real sind, so sind die wenigen Menschen alle fiktiv.
Schwieriger ist hingegen die zeitliche Einordnung. Ich würde vermuten, dass Watership Down in der Kindheit von Richard Adams spielt, was die späten 1920er und frühen 1930er umfassen würde.


Sonntag, 20. November 2016

Watership Down Reread (Ankündigung)

In den folgenden Wochen vielleicht Monate werde ich mich intensiv eines meiner Lieblingswerke von einem meiner Lieblingsautoren widmen. Es ist Watership Down von Richard Adams.

Erschienen ist der Roman 1972 und war das erste veröffentliche Buch von Richard Adams. Dass das Buch überhaupt erschienen ist, verdanken wir einer Reihe glücklicher Zufälle. Eigentlich war Adams, welcher im Zweiten Weltkrieg in der British Army gedient hatte, zu dem Zeitpunkt beim British Civil Service angestellt, in der Abteilung Umwelt und bereits um die 50. 
Jeden morgen fuhr er seine Töchter zur Schule und erzählte dabei Geschichten über Kaninchen. Irgendwann baten sie ihn die Geschichten niederzuschreiben und als Buch zu veröffentlichen. Adams setzte das Vorhaben auch in die Tat um, wurde jedoch von zahlreichen Verlegern abgelehnt, bis schließlich Collings zusagte.
Das Buch wurde ein voller Erfolg und ist bis heute ein Klassiker der englischen Literatur. Es gewann die Carnegie Medal von 1972 und den Guardian Prize. 1978 folgte eine Adaption durch Martin Rosen, welche auf ihre ganz eigene Art Berühmtheit erlangen sollte, dazu jedoch ausführlicher an anderer Stelle.

Was genau ist es, was an einem Buch über Kaninchen so faszinierend ist? Das soll in den folgenden Wochen genauer analysiert werden.

Review: The Hero of Ages (Brandon Sanderson)

Mit seinem (vorerst) letzten Band bringt Brandon Sanderson die Mistborn-Trilogie zu einem grandiosen und würdigen Ende. In diesem Teil müssen sich Vin, Elend, Sazed und Co. mit den Auswirkungen auseinandersetzen, welche die Befreiung der seltsamen Kraft im Well of Ascension bewirkt. Diese Kraft, die sich Ruin, droht die Welt zu vernichten. Ausgerechnet der tyrannische Lord Ruler hat dieses Ereignis vorhergesehen und kluge Maßnahmen getroffen, damit die Welt die Rückkehr von Ruin überleben kann. In fünf Städten hat er dazu riesige Vorratslager geschaffen mit weiteren Hinweisen wie die übriggebliebenen Leute mit Ruin umgehen sollen.
Jedoch steht ein Usurpator im Weg, um die letzte der Vorratskammern in Besitz zu nehmen und das finale Geheimnis zu entlüften. So bleibt Elend und Vin nichts anderes übrig als die Stadt zu belagern und zu hoffen, dass sie rechtzeitig Ruin davor stoppen können, die Welt zu vernichten.

Der Band knüpft von der Qualität nahtlos an seine beiden Vorgänger an. Neben Vin, Elend und Sazed rücken jetzt auch Spook, der Kandra TenSoon und der gefährliche Inquisitor Marsh in den Mittelpunkt. Alle Charaktere haben nicht nur mit Ruin zu kämpfen, sondern auch mit inneren Konflikten. Elend, der daran verzweifelt, dass er es trotz seiner Bemühungen nie zu schaffen scheint, seine Leute zu beschützen. Vin, welche unfähig ist eine Verbindung mit den geheimnisvollen Nebeln einzugehen, welche vor dem Tod des Lord Ruler ihr so vertraut und ein Teil von ihr waren. Sazed, welcher sich nach dem Tod von Tindwyl die Glaubensfrage stellt und daran verzweifelt, dass keine der hunderten Religionen eine Antwort parat hat was mit der Welt passiert. TenSoon, welcher in den Konflikt gerät mit den Gesetzen seiner eigenen Art. Und Spook, welcher doch stark damit zu kämpfen hat, dass er in Kelsiers Gruppe eher zufällig aufgenommen und als unbedeutend abgestempelt wurde. Der oft zu hörende Vorwurf, Sandersons Charaktere wären blass und eindimensional, um die Handlung voranzutreiben und die überraschenden Wendungen einzubauen, kann ich absolut nicht nachvollziehen. Das Schicksal nahezu jedes Charakters ging mir nahe, selbst die Koloss erscheinen als sehr tragische Wesen, wenn die Wahrheit hinter ihren blauen Häuten offenbart wird. Und wenn einem Charaktere Emotionen entlocken können, so hat meiner Meinung nach der Autor alles mit ihnen richtig gemacht.

Über die Wendungen brauche ich gar nicht groß die Worte zu verlieren. Wirklich jeder Twist von der ersten bis zur letzten Seite hat bei mir für einen Aha-Effekt gesorgt und eine perfekte Antwort für eine offene Frage bezüglich der seltsamen Mistborn-Welt geliefert. Mit der Hemalurgie wird eine dritte Form der Metallmagie eingeführt, welche die Entstehung von Inquisitoren, Koloss und Kandra erklärt, inklusive deren Eigenschaften. Ähnlich erfährt der Leser endlich was es mit den Nebeln auf sich hat, dem Hero of Ages und dem geheimnisvollen Atium.
Tatsächlich hat man am Ende des Bandes das Gefühl, dass hier ein Autor am Werke war, der von Anfang an alles genau durchgeplant hatte, wusste wann er welchen Kniff erklärt und immer eine Erklärung parat hatte, sodass sich selbst Momente, die in anderen Reihen als Deus-ex-machina kritisiert worden wären, natürlich und passend angefühlt haben. Und dabei kamen selbst die Charaktere nicht zu kurz.

Fazit: Eine der besten Fantasy-Serien, die ich seit längerem gelesen habe - eine interessante Welt mit tollen, faszinierenden Charakteren, überraschenden und logischen Twists, einem sehr gut aufgebauten Magiesystem. Eine klare Leseempfehlung für jeden, der Fantasy mag.

Samstag, 12. November 2016

Review: The Well of Ascension (Brandon Sanderson)

Der zweite Teil der Mistborn-Trilogie spielt etwa ein Jahr nach den dramatischen Ereignissen von Band 1. So wird die noch junge Herrschaft von Vin, Elend, Sazed und Co. - nach Beseitigung des Lord Ruler - stark bedroht. Einige auswärtige Lords, unter anderem Elends tyrannischer Vater Straff, erkennen die neue Regierung nicht an und belagern deshalb Luthadel, um selbst die Macht zu ergreifen. Schnell ergibt sich eine höchstgefährliche Situation in der gleich drei große Armeen die Hauptstadt belagern und nur aufgrund der Gefahr, bei einem verfrühten Angriff von den jeweils anderen Armeen überwältigt zu werden, nicht direkt angreifen. Es entsteht eine Patt-Situation aus welche sich die Helden durch geschickte Diplomatie und riskanten Manövern herauszuwinden versuchen. Das ist im Wesentlichen der Inhalt des ganzen Buches. Parallel dazu werden auch die letzten Worte des Lord Rulers wahr - wonach durch sein Tod Schlimmes passieren wird. So fangen die geheimnisvollen Nebel an, sich auch tagsüber zu bilden. Dabei werden immer häufiger Menschen auf seltsame Art und Weise getötet, außerdem nehmen manche Nebelgeister wahr. Mithilfe einer stählernen Inschrift, welche Sazed in einer Festung der Inquisitoren findet, kommt er einen Geheimnis auf die Spur, wonach wieder der Hero of Ages den Well of Ascension finden muss, um das Übel zu stoppen. Jedoch ist die Inschrift - geschrieben vor der Machtergreifung des Lord Ruler von einem der mächtigsten Priester der Terris - voller Widersprüche bezüglich des Helden, sodass nicht ganz klar wird was er eigentlich machen soll.
Im Gegensatz zum ersten Band beschränkt sich The Well of Ascension verstärkt der Charakterzeichnung. Neue POVs kommen hinzu, unter anderem Sazed, was mich sehr gefreut hat und es gibt auch neue interessante Charaktere wie Zane, der psychisch gestörte Halbbruder von Elend, welcher selbst ein mächtiger Mistborn ist. Besonders interessant ist hierbei die Beziehung zwischen Zane und Vin. Zane versucht Vin immer wieder zu manipulieren und redet ihr ein, dass sie von Elend und dem anderen nur als Waffe benutzt wird und gar nicht verstanden wird. Anfangs wehrt sich Vin noch dagegen, aufgrund ihrer Beziehung mit Elend und dennoch kommen ihr immer wieder Zweifel. Elend hingegen hat damit zu kämpfen als König und Herrscher wahrgenommen zu werden, denn er hat nicht nur Probleme mit den gegnerischen Armeen, sondern auch mit seinen eigenen Leuten, welche bald an ihm zweifeln.
Dadurch hat der Band einige ungewollte Längen, die doch an manchen Stellen ein Stück weit auch langweilig sind. Und nicht immer ist die Entwicklung der Charaktere interessant zu lesen, sie zieht sich teilweise stark hin und wirkt redundant. Gelungen sind hingegen die neuen Charaktere wie Zane, Tindwyl, der Kandra TenSoon und Cett. Als etwas störend empfand ich nur Allrianne, die in meinen Augen eher überflüssig war und streckenweise doch die Rolle des nervigen Frauencharakters eingenommen hat, da sie einfach zu viele Klischees erfüllt (ständiges Nörgeln, das Tragen von teuren Kleidern, unbändige Neugier). Das alte Stilmittel, wonach jedes Kapitel mit einem in kursiv geschriebenen Text beginnt, funktioniert immer noch perfekt.
Bis kurz vor dem Ende hätte ich das Buch somit als schwächer als Band 1 eingeschätzt. Dann folgt jedoch ein sehr brillanter Twist, welcher einem das ganze Buch und sogar den ersten Band mit völlig anderen Augen sehen lässt. Ich habe ihn nicht kommen sehen und doch ergibt er in seiner Gesamtheit auf perfide Art und Weise perfekt Sinn. Nur deshalb gefällt mir der zweite Buch trotz einiger Längen besser als der erste und ich bin schon gespannt wie die Trilogie abgeschlossen wird.


Donnerstag, 27. Oktober 2016

Review: Mistborn (Brandon Sanderson)

Vor ungefähr zwei Jahren fing ich an Wheel of Time von Robert Jordan zu lesen, eine der bekanntesten Fantasy-Serien der Post-Tolkien-Ära, zumindest in den USA. Eingestellt hatte ich mich auf eine sehr lange, aber hoffentlich interessante Reihe, ich bekam stattdessen Streitigkeiten der Geschlechter auf Vorschulniveau, endlose Beschreibungen von Kleidung, einen seelenlosen RPG-Charakter als Hauptperson, nervige Völker mit völlig bescheuerten Ehrenkodizes, die mary-sueigste Prinzessin der Literaturgeschichte, coole Bösewichter, deren Potential jedoch überhaupt nicht ausgeschöpft wird und viele andere Dinge, die ich mittlerweile erfolgreich verdrängt habe. Warum ich überhaupt bis zum Ende gelesen habe, lag nur an zwei Dingen:
1. Ich beende normalerweise die Bücher oder Buchreihen, die ich angefangen habe, egal wie langweilig oder schlecht sie sind. In diesem Falle wurde mein Perfektionismus jedoch auf eine harte Probe gestellt.
2. Mich machte es neugierig wie eine Reihe ausgeht, deren letzten Bände nicht vom gleichen Autor geschrieben worden sind. Wer es nicht weiß: Robert Jordan starb 2007 an einer unheilbaren Blutkrankheit als sein Werk noch nicht beendet war. Seine Frau und Editorin erwählte den Fantasy-Autor Brandon Sanderson die Reihe zu vollenden.
Und Sanderson machte den Job überragend. Nicht nur sind die drei letzten Bände deutlich besser geschrieben, auch die Charaktere fühlen sich stärker wie echte Menschen an und auch die Spannung wird über mehrere Seiten aufrechterhalten. Grund genug also auch den eigenen Romanen von Brandon Sanderson eine Chance zu geben. So habe ich mich nach einigem Überlegen und Recherchieren für seine Mistborn-Reihe entschieden.
Der erste Band dieser Reihe mit dem gleichen Titel erschien 2006 und war der erste Roman von Sanderson nach seinem Erstlingswerk Elantris. In den folgenden Jahren kamen die beide Folgebände heraus. Jedoch ist Mistborn bereits in sich abgeschlossen und kann auch ohne Nachfolger als eigenständiges Werk für sich stehen. Hier folgt jetzt eine ausführliche Review zu dem Buch.
ACHTUNG: Ich halte wenig von spoilerfreien Reviews. Ich werde hier auf alle Ereignisse, die im Buch vorkommen Bezug nehmen, aber Spoiler zu anderen Werken kennzeichnen. Wer das Werk noch lesen und sich nicht den Spaß verderben lassen will sollte jetzt aufhören die Review zu lesen!


Inhalt

Die Handlung findet in einer typischen Fantasy-Welt statt, welche als Final Empire (da ich nur das englische Original gelesen habe, verwende ich bei solchen Eigennamen auch die englischen Titel) bezeichnet wird. Regiert wird das ganze Reich von einem Lord Ruler, welcher unsterblich ist und bei seinen Leuten den Status eines Gottes erreicht hat. Ursprünglich war er als ein Auserwählter dazu bestimmt die Menschheit vor einem nicht näher definierten Bösen, die Deepness, zu retten. Ihm scheint das gelungen zu sein, doch irgendwas ist dabei mit ihm passiert und er wurde zu einem grausamen Tyrannen. So ist die Gesellschaft im Final Empire in eine klare Zwei-Klassengesellschaft unterteilt. Es gibt die Adligen, eine Oberschicht und Skaa, eine Unterschicht, welche wie Sklaven und Pariahs behandelt werden. Letztere müssen für die Adligen auf Plantagen, in Schmieden oder anderweitig arbeiten. 
Geprägt ist die Welt auch von einigen klimatischen Besonderheiten. Es regnet sehr häufig Asche und nachts ist die Außenwelt von einem seltsamen Nebel überzogen. Pflanzen wachsen zwar noch, aber sind nicht mehr grün.
Neben den normalen Menschen gibt es eine bestimmte Gruppe, welche durch den Einsatz von Metallen bestimmte Fähigkeiten hat, die ihnen Vorteile verschafft. Das sind die Allomancer. Die meisten von diesen können nur ein bestimmtes Metall verwenden und werden Mistings genannt. Diejenigen, welche alle Metalle verwenden können sind die Mistborn und extrem selten. Dieses Magiesystem ist sehr logisch aufgebaut. Jedes Metall hat dabei als Partner eine Legierung, welche das Gegenteil bewirkt.
Im kurzen Überblick sind das:
Kupfer: verbirgt jemanden, der Allomantie verwendet
Bronze: registriert allomantische Impulse 

Zinn: verschärft die Sinne und Wahrnehmung
Hartzinn (pewter): vergrößert die körperliche Stärke und Ausdauer

Zink: verstärkt Emotionen eines anderen
Messing: vermindert die Emotionen eines anderen

Eisen: zieht nähere Metalle an
Stahl: drückt nähere Metalle weg

Verwendet werden diese Metalle durch alkoholische Lösungen in kleinen Phiolen, welche getrunken werden, sodass sich die Metalle dann im Körper befinden. Durch einen als "Verbrennen" bezeichneten Vorgang werden die Metalle verwendet, bis sie aufgebraucht sind. Sehr gut fand ich es, dass die Verwendung eines jeden Metalls auch ihre negativen Konsequenzen hat. Ein gutes Beispiel ist hier Zinn, welches zwar dabei hilft besser und auf größere Distanzen zu sehen, aber einen auch anfällig macht für laute Geräusche oder zu helle Lichtquellen.

Ausgangspunkt der Geschichte ist schließlich das Vorhaben eines gewissen Kelsiers das Final Empire und den Lord Ruler zu stürzen. Er selbst ist ein Mistborn und zu einer Legende unter den skaa geworden, weil er einziger aus den Minen von Hathsin entkommen konnte, eine Art Strafgefängnis des Lord Ruler für besonders schlimme Vergehen. Neben seinen Freunden bekommt er dabei unerwartet Hilfe von einer unscheinbaren Diebin, welche sich auch als Mistborn herausstellt.

Die Charaktere


Kelsier

Für mich war Kelsier in vielerlei Hinsicht der faszinierendste Charakter der Geschichte. Er hat ein unglaubliches Charisma, welches nie aufgezwungen, nervig oder fehl am Platze wirkte. Sein Plan wirkt zunächst größenwahnsinnig, er schafft es jedoch nicht nur die Zweifel seiner Crew zu beseitigen, sondern auch meine eigenen. Von Rückschlägen lässt er sich nicht unterkriegen und kämpft immer weiter, was ich wirklich bewundernswert an ihm fand. Er ist zudem kein moralisch einwandfreier Held. So hat er keine Probleme Mitglieder der Nobilität umzubringen, weil es jeder in seinen Augen verdient hat zu sterben, der das Final Empire am Bestehen aufrechterhält. Für diese sehr zweifelhafte Einstellung wird er aber auch von anderen kritisiert, unter anderem seinem Bruder Marsh und auch Vin.

Vin

Vin ist in vielerlei Hinsicht die Hauptperson der Handlung. Zunächst ist sie eine schüchterne, naive Diebin, welche sich am liebsten versteckt hält und extrem paranoid ist. Grund dafür ist die Misshandlung durch ihren Bruder und anderen Dieben. Und gerade weil ihr Bruder sie verlassen hat, traut sie absolut niemanden und glaubt, dass jeder sie früher oder später verraten wird.
Vin kommt, nachdem ich jetzt ewig lange miesgeschriebene Frauencharaktere in Fantasy-Werken hatte, sehr erfrischend rüber. Sie ist weder reines Love Interest, noch verfällt sie in den zickigen Frauencharakter (der besonders bei Wheel of Time auftritt) und auch obwohl sie sich plötzlich als eine sehr fähige Mistborn herausstellt fällt sie nicht in den Mary-Sue-Bereich, da ihr trotz Allomantie längst nicht alles gelingt. Besonders schön fand ich ihre Rolle als Spionin bei den Bällen der Nobilität, wo sie bald in ein moralisches Dilemma gerät, weil sie sich in einen von ihnen verliebt. 

Andere Charaktere

Kelsier und Vin sind zunächst - vom Prolog abgesehen - die einzigen POVs, doch es gibt auch noch zahlreiche andere interessante Charaktere. So gefiel mir Kelsiers Crew sehr gut. Der zynische Breeze, der philosophierende Ham, der mürrische Clubs und auch Dockson, sie gefielen mir alle und ihr Zusammenspiel hat mir auch sehr gefallen. Ihre Interaktion fühlte sich echt an, wie Freunde, die es ein Leben lang sind und die jetzt gegenseitig aufeinander vertrauen.
Besonders sympathisch ist mir Sazed geworden. Er ist ein Terrisman, welcher als Diener für Vin agiert, als sie ihre falsche Persönlichkeit als Adlige annimmt. Zunächst wirkt er unscheinbar, doch durch ihn erfahren wir viel über die Kultur von Terris und lernen eine neue Art der Metallmagie kennen. Die Feruchemy, welche es seinen Trägern erlaubt bestimmte Fähigkeiten in Metallen zu speichern, wobei hier nicht Metalle die Quelle sind, sondern der eigene Körper verwendet wird. Neben physischen Eigenschaften erlaubt es Feruchemie auch geistige Fähigkeiten zu speichern. So ist es die Hauptaufgabe der meisten Terrismen Wissen zu sammeln und einzuspeichern. Eine in meinen Augen sehr interessante Fähigkeit, welche der Crew ein ums andere mal bei ihrem Plan hilft.
Ähnlich sympathisch ist mir auch Elend Venture geworden, immerhin Erbe des mächtigsten Hauses in Luthadel, der Hauptstadt des Final Empire. Er verliebt sich in Vin und es stellt sich heraus, dass er die üblichen Ansichten der Nobilität bezüglich der skaa nicht teilt.
Die Antagonisten halten sich größtenteils im Hintergrund. Besonders bedrohlich wirken hierbei die Inquisitoren, welches Kreaturen sind, die speziell dazu ausgebildet sind Mistings und Mistborn zu finden und zu bekämpfen. Sie sind fast nicht zu töten. Und dann gibt es noch den Lord Ruler, welcher zwar auch kaum auftritt, aber seine Präsenz ist irgendwie beständig durch die Seiten hinweg zu spüren.

Der Stil

In der Hinsicht hebt sich das Werk nicht groß von anderen Fantasy-Werken ab. Es wird in POV-Form erzählt, größtenteils durch Kelsier und Vin. Es ist in fünf Teile unterteilt mit Prolog und Epilog und jeweils Unterkapiteln. Sowohl Sprache als auch Satzbau sind sehr einfach gehalten. Das fand ich sehr toll, denn es muss nicht immer hochkomplexe Fantasy sein. Und der einfache Stil trägt definitiv die Story voran.
Das mit Sicherheit interessanteste und kennzeichnendste Stilmittel sind in kursiv geschriebene kurze Einträge aus einem Tagebuch des Helden bevor er zum Lord Ruler wurde. Dasselbe Buch finden die Protagonisten auch später. Es ist interessant zu lesen, denn dort erleben wir einen Mann voller Selbstzweifel, der nicht weiß ob er seine Aufgabe wird erfüllen können und der hofft wirklich das Beste für die Menschheit zu erreichen. Das steht in scharfen Kontrast zu der unterdrückerischen Herrschaft des späteren Lord Ruler und lässt einen rätseln, wie es zu dieser Wandlung kommt. Den Twist dazu habe ich nicht kommen sehen, er ist aber letztendlich sehr logisch.

Großartige Momente (hier sind besonders die Spoiler zu finden)

So zum Abschluss noch eine Liste der großartigsten Momente in meinen Augen:
  • Kelsier bricht in Haus Venture ein und stiehlt Atium: Es ist das erste Mal, dass wir die allomantischen Fähigkeiten eines Mistborn in vollen Zügen zu sehen bekommen
  • Vin und Kelsier brechen in Kredik Shaw ein und werden beinahe von den Inquisitoren überwältigt
  • als die Skaa-Armee der Crew bei einem sinnlosen Angriff auf eine Kleinstadt verlorengeht, weil sie komplett getötet wird
  • die öffentlichen Exekutionen der Skaa
  • Vins Kampf gegen Shan Elariel
  • Kelsier wird durch den Lord Ruler getötet und es stellt sich heraus, dass er sich geopfert hat, damit die Skaa durch seinen Märtyrertod angestiftet rebellieren
  • die Inquisitoren übernehmen das Ministerium
  • es stellt sich heraus, dass der Lord Ruler nicht der namenlose Auserwählte aus den Tagebüchern ist, sondern der Packmann Rashek, welcher letztendlich die Rolle des Auserwählten eingenommen hat
  • Vin findet das Geheimnis des Lord Ruler heraus

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Neuankündigung

Hallo liebe Leser!
Der Blog wird eine komplette Neuausrichtung erfahren. Da Lost jetzt doch schon einige Jährchen her ist und auch in meiner Prioritätenliste eher weiter unten angesiedelt ist, werde ich mich in der Zukunft verstärkt Büchern zuwenden.

Lesen war schon immer eines meiner Lieblingshobbys, eines dem ich in den letzten Jahren wieder intensiver gewidmet habe. Beschränken werde ich mich hier auf ausführliche Analysen von Büchern, die ich schon gelesen und Reviews oder Rezensionen zu Werken, die ich das erste Mal durchgelesen habe. Beginnen werde ich mit Romanen meines Lieblingsautors Richard Adams. Bekannt geworden ist er hauptsächlich durch sein Erstlingswerk "Watership Down", welches ein weltweiter Erfolg wurde und heute als ein Klassiker gilt. Danach konnte er mit keinem seiner folgenden Romane an den Erfolg von "Watership Down" anknüpfen. Ich versuche, besonders an seinem zweiten Werk "Shardik" nachzuweisen, warum ihm das nicht gerecht wird.

Je nachdem wie meine Motivation ist, werde ich mich vielleicht auch über Adams hinaus an anderen Werken versuchen. Mein Engagement hängt dabei nicht davon ab, wie der Blog frequentiert wird. Habe ich auch nur einen Leser, reicht mir das völlig aus. Ihr seid natürlich dazu eingeladen, (möglichst konstruktives) Feedback zu hinterlassen. Beleidigungen, Spam und Beiträge mit rassistischem Inhalt werden kommentarlos von mir gelöscht. Ich hoffe jedoch nicht, dass es so weit kommt.

 Für den Moment bleibt mir nur zu sagen: Viel Spaß beim Lesen!